Falsche Entwarnung
erschienen im Neuen Deutschland
am 24.08.2007
Das majestätische Zusammensinken der US-Immobilienblase hat die Börsen-Indizes binnen weniger Wochen von neuen Allzeithochs zurück in den Keller getrieben. Die Verschlingung der weltweiten Kreditketten und die plötzliche Schieflage von Geldinstituten führten zu einer „Kreditklemme“, weil die Banken weder den Firmen noch sich gegenseitig mehr neues Geld leihen mochten angesichts undurchsichtiger Risiken. Wieder einmal mussten die Notenbanken der USA, Japans und der EU auf den Plan treten und mit dreistelligen Milliardenbeträgen Liquidität in den Markt pumpen, um das Schlimmste zu verhüten. Es war die größte Intervention dieser Art seit den Terroranschlägen des 11. September. Gerade hatte man noch die Sektkorken knallen lassen, und schon müssen wieder Beruhigungstropfen verabreicht werden: Das alles, so die berufsoptimistischen „Wirtschaftsweisen“, spiele sich als gruseliges Schauspiel nur weit droben im Finanzhimmel ab und werde die irdische Hochkonjunktur der Realwirtschaft keinesfalls verhageln.
Diese ebenso voreilige wie interessierte Entwarnung ist schon deshalb grundsätzlich falsch, weil sich im Krisenprozess der 3. industriellen Revolution das Verhältnis von Finanzüberbau und Realwirtschaft längst auf den Kopf gestellt hat. Der globale Boom der letzten Jahre ist nicht selbsttragend, sondern aus Finanzblasen gespeist. Eine Schlüsselrolle spielte dabei die US-Immobilienblase. Als nach dem Zusammenbruch der New Economy vor sieben Jahren die US-Notenbank (Fed) einen Zinssenkungs-Wettlauf in den kapitalistischen Zentren einleitete, ließ das billige Geld die Häuserpreise explodieren. Während die Reallöhne weiter sanken, wurde der US-Konsum bei einem hohen Anteil von verschuldetem Wohneigentum durch das Beleihen von Hypotheken gesponsert, weil der Basiswert scheinbar endlos anstieg. Dieses massenhafte Phänomen befeuerte erst die einseitige chinesische Exportwalze über den Pazifik und in der Folge die Weltkonjunktur. Es dauert nun eine gewisse Inkubationszeit, bis das Versiegen des Geldstroms aus der Immobilienblase auf den US-Konsum durchschlägt. In einer Kettenreaktion müsste zuerst die chinesische Exportwalze zum Stehen kommen. Zweite Folge wäre das Ende des Baubooms in China, der eine robuste Binnenkonjunktur vortäuscht, während er in Wirklichkeit nur eine sekundäre Immobilienblase auf Basis der einseitigen Exportkonjunktur bildet. Dann wäre es aus mit der Herrlichkeit des globalen Aufschwungs.
Wenn dieses Szenario aktuell abgetan wird und die Finanzmärkte sich schon wieder zur Erholung anschicken, dann besteht der Grund einzig in der Erwartung eines neuen Zinssenkungs-Wettlaufs, ausgehend von der US-Notenbank. Aber die Immobilienblase ist ja gerade deswegen zusammengesunken, weil die Zinsen notgedrungen erhöht wurden. Denn im Unterschied zu den Zeiten der New Economy, wo es nur eine Konjunktur im „virtuellen Raum“ des Internet gab, hat der „finanzgetriebene“ realwirtschaftliche Boom der letzten Jahre ein enormes Inflationspotential aufgebaut. In vielen Sektoren wie Energie, Lebensmittel usw. ziehen die Preise spürbar an. Es ist sehr fraglich, ob die europäische Zentralbank (EZB) in dieser Situation eine neue Zinssenkungs-Runde mitmacht. Wenn sie sich verweigert, wird der Zinsabstand zwischen den USA und der EU abschmelzen und das riesige US-Außendefizit unfinanzierbar, also die Konjunktur erst recht abgewürgt. Spielt die EZB aber mit, dann wird hüben wie drüben das inflationäre Potential entfesselt und der Schein-Boom auf diese Weise sein Ende finden.
