Götterschlacht am Währungshimmel
aus: konkret 4/98
Kommt es zur Weltmacht-Konkurrenz zwischen Euro und Dollar ?
Trotz Krisen- und Globalisierungsdebatte denkt die Welt immer noch in den Kategorien des bürgerlichen Politizismus, als wäre die Entwicklung der Ereignisse in erster Linie ein Resultat staatlicher Strategien. In diesem Sinne wird der Euro doppelt gedeutet; einmal als der politische Preis, den die BRD in Gestalt eines Verzichts auf den innereuropäischen DM-Imperialismus für die Zustimmung der EU-Mitglieder zur deutschen Vereinigung habe zahlen müssen – dann wäre der Euro aus der Sicht linker Polit-Aktivisten „gut“, weil gegen deutsche Machtgelüste gerichtet; zum anderen aber als der Versuch, den Dollar vom Thron des Weltgeldes zu stoßen und im Kampf der „Triade“ (USA, Japan/Südostasien, EU) um die Weltmacht eine strategische Offensive zu beginnen – dann müsste der Euro in den Augen der selben Linken „schlecht“ sein, weil er indirekt deutsche Weltmachtträume begünstigt.
Wahrscheinlich sind beide Momente tatsächlich präsent. Aber ihre Widersprüchlichkeit verweist schon darauf, dass das Projekt des Euro nicht in politischen Strategiespielen aufgeht. Die Motive für diese wie für andere spektakuläre Maßnahmen (z.B. die teure Rettungsaktionen des IWF in Asien und Lateinamerika) werden in letzter Instanz durch die innere Schranke des warenproduzierenden Systems und die strukturelle Überakkumulation des Weltkapitals bestimmt.
Vor diesem Hintergrund hat die politische Regulation längst ihre strategische Potenz verloren und zu prekären Reaktionen auf unbeherrschbare ökonomische Prozesse geführt. Wie es sich bei der Globalisierung (oder besser: Transnationalisierung) des Kapitals um eine betriebswirtschaftliche Flucht nach vorn vor der Krise der Realakkumulation handelt, so bei dem Großexperiment des Euro um eine Flucht nach vorn vor der Krise des Geldes und des Weltwährungssystems.
Der Konkurrenzdruck auf dem erschöpften Weltmarkt, der Verfall binnenökonomischer Kaufkraft durch die stetig steigende strukturelle Arbeitslosigkeit, der Rückgang des Steueraufkommens, die Kapitalvernichtung und die Kapitalkonzentration zwingen die Konzerne zur transnationalen Diversifizierung und die Staaten in die Abhängigkeit von transnationalen Finanzmärkten. Aber diesem Prozess der Globalisierung sind Grenzen gesetzt durch das Wechselkursrisiko, durch sogenannte politische Instabilitäten und durch drohende ökonomische Einbrüche außerhalb des eigenen Einflussbereiches, siehe Asienkrise. Deshalb scheint es nahe zu liegen, in einem Raum „relativer Beherrschbarkeit“ wenigstens eine dieser Grenzen zu beseitigen, nämlich die innereuropäischen Währungsschranken. Die BRD konnte dabei um so leichter auf ihren alten DM-Imperialismus verzichten, als die angeblich starke Mark sowieso durch die kapitalistisch unproduktive Billionenlast der (auf absehbare Zeit weiterlaufenden) Vereinigungskosten innerlich längst hohl geworden ist und auf den Finanzmärkten nur noch vom alten Glanz vergangener Tage zehrt.
Wenn aber schon einmal der von der Krise getriebene und hochriskante Ausbruchsversuch aus der Finanz- und Währungsfalle gewagt wird, dann mag auch der Gedanke aufkommen, mit dem Euro für den Fall des Gelingens in einem Aufwasch auch gleich die Vormachtstellung der USA weltökonomisch in Frage zu stellen. Natürlich ist es für den europäischen ebenso wie für den asiatischen Kapitalismus schon seit langem ein Ärgernis, dass der US-Konkurrent trotz des relativen Rückgangs seiner kapitalproduktiven Basis mit dem Dollar weiterhin die Weltmärkte und das globale Finanzsystem beherrscht. Diese währungspolitische Vormachtstellung musste zähneknirschend hingenommen werden, weil der Welthandel ohne eine Leitwährung als Weltgeld sofort zusammenbrechen müsste: Eine Verrechnung von mehr als hundert in ihren Wechselkursen wild schwankenden Währungen wäre ohne eine Drittwährung als dem global gültigen Maßstab gar nicht möglich; und nach dem Ende des Goldstandards hatte nun einmal der Dollar diese Funktion weitgehend übernommen.
Würde jetzt der Euro dem Dollar als Welthandels- und Reservewährung ernsthaft Konkurrenz machen, so wäre es wohl mit der weltökonomischen Selbstherrlichkeit der USA schnell vorbei. Die Europäer könnten sich dann, so vielleicht die klammheimliche spekulative Hoffnung, ebenso wie die USA in ihrem eigenen Geld auf den Weltfinanzmärkten verschulden: bis zu einer Billion Dollar (so die ersten Hochrechnungen) würden womöglich kurzfristig in den Euro umgeschichtet. Das könnte die Krise in Europa zu Lasten der USA lindern und die „einzige Weltmacht“ an die Kandare eines ökonomischen, politischen und militärischen Mitspracherechts der Europäer nehmen. Befürchtungen dieser Art werden inzwischen in Washington ganz offen geäußert. Realistisch sind sie freilich nicht. Denn viel wahrscheinlicher ist, dass die europäische Flucht nach vorn in einem Fiasko endet, dass freilich auch die USA mit in eine neue Großkrise reißen kann.
Ironischerweise ist es gerade der unproduktive Mammut-Militärapparat, der die Grundlage für die Weltpolizeimacht und für die Leitwährungsfunktion des Dollar bildet. Hinter dem Euro dagegen steht nicht nur keine auch nur annähernd vergleichbare Militärmacht, sondern noch nicht einmal eine nach innen (geschweige denn nach außen) handlungsfähige staatlich-politische Einheit. Schon deshalb wird es keine entscheidenden Umschichtungen aus dem Dollar in den Euro geben (notfalls können die USA dies sogar durch prophylaktische Drohungen verhindern). Gleichzeitig wird aber der Euro innerhalb des EU-Raums seine erhoffte Beihilfe zur Transnationalisierung des europäischen Kapitals (auch als Sprungbrett für den Kampf um Anteile am Weltmarkt) nur erfüllen, indem ganze Regionen innerhalb der bisherigen nationalökonomischen Währungsräume abgekoppelt werden und die soziale Degradation sich drastisch beschleunigt. Die weiterhin nationalen Regierungen müssen dann entweder unter gegenseitigen Beschuldigungen in einen Wettlauf zur Inflationierung des Euro treten oder eine soziale und politische Zerreißprobe in Kauf nehmen. So oder so kann das Resultat nur die Flucht aus dem Euro sein, und zwar in den Ausmaßen einer Stampede.
Damit freilich ist auch den USA nicht gedient, denn ein Zusammenbruch des Euro muss das globale Finanz- und Währungssystem derart erschüttern, dass auch die Weltmacht mit in den Strudel gerissen wird. Auf der anderen Seite des Pazifik droht aber gleichzeitig die Asienkrise das Ende des überreizten pazifischen Defizitkreislaufs herbeizuführen und die Dollar-Simulation der hochverschuldeten US-Prosperität abstürzen zu lassen. Das heißt aber nur, dass die manipulierte Weltwirtschaft nun von zwei Seiten her in die Zange genommen wird. Die USA müssen gleichzeitig wünschen, dass der Euro funktioniert und dass er nicht funktioniert.
Dieser Widerspruch zeigt, dass politisch-strategische Manöver wie die Zangengeburt des Euro die schwelende basale Krise nicht überwinden, sondern nur auf eine höhere Stufe heben können. Was auf diese Weise näher rückt, ist die Alternative von Vernichtung des fiktiven globalen Geldkapitals mit nachfolgender Weltdeflation einerseits oder Inflationierung der westlichen Währungen andererseits. Denn die stets nur relativen Kräfteverhältnisse der Währungen (weil ohne Rückbindung an eine objektive Substanz wie früher das Gold) beziehen sich gemeinsam auf einen vor sich hin schrumpfenden realökonomischen Funktionsraum. Währungspolitische Weltmachtspiele werden dabei zunehmend lächerlich – auch in der Weltliga spielt nur noch Not gegen Elend.
