Interview der IHU-Online-Zeitschrift (Brasilien)
1. Es ist bekannt, daß in Brasilien die Arbeitslosigkeit zunimmt, obwohl wir eine Linksregierung haben. Warum, Ihrer Meinung nach, ist die Arbeitslosigkeit ein Problem ohne Lösung? Gibt es alternative Modelle für Arbeit/Arbeitslosigkeit in unseren Gesellschaften?
Es ist ein fundamentaler Selbstwiderspruch der modernen kapitalistischen Produktionsweise, daß sie einerseits auf der permanenten Verwandlung menschlicher Energie in Geld beruht, andererseits jedoch die Konkurrenz zu einer Entwicklung der Produktivkräfte zwingt, in der die menschliche Arbeitskraft durch Sachmittel „überflüssig“ gemacht wird. Dieser Widerspruch konnte in der Vergangenheit immer wieder durch die Expansion der Märkte kompensiert werden. In der 3. industriellen Revolution der Mikroelektronik ist jedoch erstmals der Effekt der Rationalisierung dauerhaft größer als der Effekt der Erweiterung. Alle bisherigen Modelle für die Bewältigung dieser globalen Krise sind gescheitert, weil sie die obsolet gewordene Logik der Verwandlung von Arbeit in Geld nicht in Frage stellen und nur auf eine Verwaltung der Armut hinauslaufen. Wenn wir alle unrentabel werden und immer mehr Ressourcen brach liegen, ist die herrschende Produktions- und Lebensweise grundsätzlich (kategorial) in Frage zu stellen. Vor dieser Konsequenz schreckt die gegenwärtige Debatte zurück, deshalb ist sie so langweilig.
2. Wie betrachten Sie die Beziehung zwischen Staat-Markt und den nicht gouvernementalen Organisationen? Wie betrachten Sie die Zukunft der politischen Parteien und der Gewerkschaften?
Die Politik als solche wird zum Auslaufmodell. Staat und Politik beziehen sich ihrem Wesen nach allein auf die Folgen blinder Markt- und Konkurrenzprozesse. Wenn diese Folgen nicht mehr bewältigbar sind, erlischt die Kompetenz der Politik. Politisches Subjekt kann man nur sein, wenn man auch Subjekt der Arbeit und des Geldes ist. Je mehr Menschen aus der Logik von Arbeit und Geld herausfallen, desto sinnloser wird die Hoffnung auf den Staat. Deshalb glauben viele auch nicht mehr an die politischen Parteien. Der ganze politische Betrieb ist nur noch ein Leerlauf.
Die nicht-gouvernementalen Organisationen bilden aber so lange keine Alternative, wie sie sich lediglich als unkritischer Reparaturbetrieb der totalitären Marktwirtschaft verstehen. Sie müßten den Mut haben, sich offen gegen die „Ordnung der Dinge“ zu stellen und eine Welt jenseits von Markt und Staat zu denken; nicht als subalterne Hilfsorganisationen neben oder sogar innerhalb der kapitalistischen Krisenverwaltung, sondern im Gegensatz dazu.
Auch die Gewerkschaften sind zahnlos geworden, weil sie nur gemacht waren für die historische Expansion der Lohnarbeit. In der neuen globalen Krise ist dieser gesellschaftliche Boden schwankend geworden. Es gäbe zwar durchaus auch jetzt noch Spielraum für gewerkschaftliche Forderungen an Staat und Konzerne. Aber die Gewerkschaften sind unter den neuen Bedingungen paralysiert, solange sie sich an die Logik der Lohnarbeit ketten lassen und „Verantwortung“ für das herrschende System übernehmen.
3. Welche sind Ihre Divergenzen in Beziehung zu der Idee von Ulrich Beck über die Flexibilisierung der Arbeit und zu der Idee von Andre Gorz über immaterielle Arbeit?
Seit einigen Jahren geistern neue Begriffe durch die intellektuelle Debatte, die jedoch für eine kritische Analyse nicht sehr weit tragen, weil sie allesamt aus dem Diskurs des Managements stammen. Die Flexibilisierung, die als Methode der Selbstverwirklichung gelobt wurde, ist in Wirklichkeit eine Methode der Selbstdressur für fremdbestimmte Anforderungen des Systems in der Krise. Die Menschen sollen sich als ihr eigenes Humankapital betrachten; jedes „Ich“ eine kleine Betriebswirtschaft, jeder Körper ein bloßes Mittel der Selbstverwertung. „Flexibel“ zu sein, bedeutet nichts anderes, als sich selbst zu einem Automaten zu degradieren, der auf die „Signale der Märkte“ mechanisch reagiert. Es ist die subtilste Form der Dehumanisierung.
Nicht besser steht es mit dem Begriff der immateriellen Arbeit, der zum Diskurs über die „Wissensgesellschaft“ oder „Informationsgesellschaft“ gehört. Erstens sind große Teile der sogenannten immateriellen Tätigkeiten in den Bereichen Kultur, Medizin, Bildung, Beratung usw. nur in geringem Maße kapitalistisch darstellbar. Es handelt sich nicht um große Felder der Verwertung von Kapital, also der Verwandlung von Arbeit in Geld, wie etwa in der Vergangenheit die Automobilindustrie. Im Gegenteil erscheinen diese Bereiche nach kapitalistischer Logik als (gesellschaftliche oder betriebswirtschaftliche) „Kosten“. Zweitens wird eben deshalb versucht, die Potenzen der immateriellen Bereiche durch Rationalisierung und Privatisierung im kapitalistischen Sinne zu reduzieren und anzupassen.
Es sind hier durch den blinden Prozeß der kapitalistischen Entwicklung zivilisatorische Möglichkeiten entstanden, die über das moderne warenproduzierende System hinausweisen, weil sie nicht mehr in die Logik von „Arbeit“, Wert, Ware und Geld gebannt werden können. Der Begriff der immateriellen Arbeit wird so zum Widerspruch in sich, weil die immateriellen Tätigkeiten und Möglichkeiten sich der spezifisch kapitalistischen Abstraktion „Arbeit“ verweigern. Es nützt nichts, den modernen Arbeitsbegriff bloß zu modifizieren, er muß kategorial negiert werden.
4. Welche Rolle spielt die Universität in einer Massengesellschaft von Arbeitslosen?
Die Universitäten sind die klassischen Institutionen der bürgerlichen Bildung. Wie alle bürgerlichen Institutionen beruhen sie ökonomisch auf der Gesellschaft der Massenarbeit, das heißt der Verwertung von Kapital. Als sekundären, abgeleiteten Bereichen, in denen die Logik der Verwertung nicht direkt wirksam war, wurde den Universitäten in der Geschichte der kapitalistischen Expansion ein gewisser intellektueller Luxus von zweckfreier Forschung, Bildung und kritischer Reflexion zugestanden. Auf dem Höhepunkt der Expansion, in der Ära der fordistischen Industrien, schien es eine Zeit lang sogar so, als könnten die „Kinder der Arbeiterklasse“ in großem Maßstab Zugang zu den Universitäten finden und als wäre es möglich, die Massenarbeiter durch die Massenintellektuellen zu ersetzen.
Aber das war eine Illusion, weil die kapitalistische Bildung letzten Endes nur als elitäre Spitze auf der Basis der Massenarbeit existieren kann. Seitdem die historische Expansion in eine historische Kontraktion umgeschlagen ist, bekommen auch die Universitäten die globale Krise der 3. industriellen Revolution zu spüren. Eine Massengesellschaft von Arbeitslosen ist eine Gesellschaft der öffentlichen Finanznot. Für die sekundären Bereiche, darunter die Bildung, erlischt zunehmend die „Finanzierbarkeit“. Je lauter von den Politikern die Notwendigkeit von Bildungs-Investitionen für den Konkurrenzkampf auf dem Weltmarkt beschworen wird, desto härter leiden die Schulen und Universitäten unter Restriktionen.
Die Manager, Funktionäre und Ideologen des Systems wollen diesen Widerspruch dadurch bewältigen, daß sie die Bildung sozial und inhaltlich reduzieren. Der Begriff der „Elite“ wird wieder groß geschrieben; durch Privatisierung, teure Studiengebühren und Förderung weniger Spitzen-Universitäten soll die Qualifikation für den Weltmarkt auf schmaler Basis produziert werden, während man die „Überflüssigen“ von jeder Bildungsmöglichkeit abschneidet. Der Kapitalismus kann die Massenarbeiter nicht durch Massenintellektuelle ersetzen, sondern nur durch entalphabetisierte Massenbarbarei. Aber die soziale Verengung rächt sich als intellektuelle Verengung an den universitären Lehrinhalten selbst. Die Wissenschaft soll direkt zur kapitalistischen Verwertungsmaschine werden, die betriebswirtschaftliche Logik frißt die freie Forschung auf, kritische Reflexion wird als „unnötiger Luxus“ erstickt. Einer zunehmend analphabetischen Massengesellschaft von Arbeitslosen steht eine Pseudo-Elite von intellektuell reduzierten Funktionsidioten gegenüber, die sich als unfähig erweisen, den erreichten Grad von hochkomplexer und hybrider Vergesellschaftung zu steuern.
Die Universitäten können sich diesem Sog der Entzivilisierung nur entziehen, wenn sie zum Hort des Widerstands gegen Elite-Lobbyismus und ökonomischen Reduktionismus werden. Es bedarf einer Bewegung des „wissenschaftlichen Ungehorsams“, die sich mit den neuen sozialen Bewegungen in der Gesellschaft verbindet, ohne Rücksicht auf die paralysierte ehemalige Linke in der politischen Klasse zu nehmen. Wenn die bürgerlichen „Chancen“ sowieso immer geringer werden, kann die „Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden“ auch gleich zur intellektuellen Subversion übergehen und die Universität zum Experimentierfeld einer Gegenkultur machen.
5. Welche sind die wichtigsten Herausforderungen der Globalisierung?
Es wird uns dauernd gepredigt, wir sollten uns an die Globalisierung anpassen. Zwar ist die Globalisierung tatsächlich irreversibel, es gibt kein Zurück zur nationalen Reproduktion der Gesellschaft. Aber die Aufgabe besteht darin, daß die Globalisierung den Bedürfnissen der Menschen angepaßt wird statt umgekehrt. Auf lange Sicht ist das nur möglich, wenn die planetarische Gesellschaft sich vom Joch des totalitären Realökonomismus befreit und ihre reichen Ressourcen in einer neuen Form jenseits von Markt und Staat organisiert. Um einen Weg zu diesem Ziel zu finden, müssen die sozialen Gegenbewegungen auf Augenhöhe mit dem transnationalen Kapital kommen. Das ist auch die entscheidende Herausforderung für die Gewerkschaften. Sie müssen sich von ihrer nationalen Organisationsform losreißen. Während die Form der politischen Partei ihrem Wesen nach an den nationalstaatlichen Rahmen gebunden bleibt und daher heute per se reaktionär ist, kann der soziale Kampf prinzipiell ebenso transnational werden wie die kapitalistische Betriebswirtschaft.
Bis jetzt sind die neuen sozialen Bewegungen aber noch eher im traditionellen Sinne inter-national als wirklich trans-national. Das liegt auch daran, daß sie sich ihrem Inhalt nach weitgehend an den vergangenen Formen nationalstaatlicher Regulation orientieren (keynesianische Nostalgie). Diese Formen der Regulation können jedoch nicht auf die transnationale Ebene der Globalisierung ausgedehnt werden, weil es keinen „Weltstaat“ gibt. Damit wird auch in dieser Hinsicht deutlich, daß sich gegenwärtig das oppositionelle Bewußtsein an die obsolet gewordenen Kategorien des modernen warenproduzierenden Systems klammert. Nation, „Arbeit“ und Warenform müssen überwunden werden. Solange die sozialen Gegenbewegungen sich noch positiv auf diese Kategorien beziehen, bleiben sie anfällig für nationalistischen Populismus und für rassistische oder antisemitische Tendenzen. Eine große Herausforderung der Globalisierung besteht darin, diesen falschen Alternativen eine scharfe Absage zu erteilen.
6. Wie würden Sie die Gesellschaft der Gruppe Krisis charakterisieren?
Ich muß leider sagen, daß es die bisherige Gruppe Krisis nicht mehr gibt. Die Gruppe ist auseinandergefallen, weil es Differenzen über die Kritik der bürgerlichen Aufklärungsphilosophie und der modernen „männlichen“ Subjektform gab. Einige Leute wollten in dieser Hinsicht unserer Polemik die Spitze abbrechen. Die Mehrheit der bisherigen Krisis-Redaktion gibt jetzt eine neue theoretische Zeitschrift mit dem Titel EXIT! heraus. Solche Brüche kennt man aus der Geschichte der Linken; sie lassen sich anscheinend auch unter den neuen Bedingungen nicht vermeiden. Einige bleiben stehen, andere gehen weiter. Aber das ändert nichts am sozialen Charakter der Initiative. Auch die neue Gruppe ist eine freie Vereinigung für kritische Theorie außerhalb der akademischen Institutionen. Wir sind aber nicht im dogmatischen Sinne anti-akademisch, sondern zählen auch Leute aus dem institutionellen Wissenschaftsbetrieb zu unseren Mitgliedern. Es kommt ja darauf an, die emanzipatorische Kritik in die Universität hineinzubringen. Das ist aber nur möglich durch eine nicht nur inhaltlich, sondern auch institutionell unabhängige Position. Vielleicht ist das die Zukunft der kritischen intellektuellen Reflexion, nämlich die Selbstorganisation in autonomen Gruppen, die sich der bürokratischen Bevormundung entziehen.
