»Sexismus wird wieder zum Nebenwiderspruch erklärt« – Interview mit Roswitha Scholz

Zuerst erschienen in: Konkret Nr. 11/2025.

Konkret: Ihr neues Buch heißt Back to the Roots.

Roswitha Scholz: Der Titel bezieht sich, wie der Untertitel sagt, auf die Regression in der marxistisch-feministischen Theoriebildung, eigentlich auf die linke Theoriebildung insgesamt, denn die bildet ja oft den Untergrund für feministische Theorien. Und da lässt sich ein Rückgriff auf den alten Arbeiterbewegungs-Marxismus mit Klassenkampf und Arbeitsontologie beobachten und auf den arbeitstüchtigen und -willigen Otto-Normalbürger. Da versucht man, Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Homo- und Transphobie einfach wieder über den Klassenwiderspruch zu erklären. Das ist zusammengefasst meine Kritik an der aktuellen linken Theoriebildung.

Wie kommt es zu dieser Regression?

Die findet vor dem Hintergrund der allgemeinen Regression in der Weltgesellschaft statt – der Rechtswende, der Hinwendung zum Nationalismus, der Nationalisierung von Kapital durch Zölle und so weiter, mit der man darauf reagiert, dass es mit der Globalisierung nicht geklappt hat, obwohl abzusehen ist, dass das nicht hinhaut, sondern die Krise noch verschärft. Vor diesem Hintergrund muss man auch den linken Rückgriff auf den Klassenkampf-Marxismus und die Arbeitsontologie sehen. Er ist ein Reflex auf diese krisengeschüttelten gesellschaftlichen Verhältnisse und das linke Pendant zur rechten Regression.

Was ist denn das Problem mit dem Klassenbegriff?

Das Problem mit dem Klassenbegriff ist, dass er heute gar nicht mehr greift. Der Klassenbegriff, wie er bei Marx noch zu finden ist, kann die aktuellen Verhältnisse nicht mehr treffend beschreiben, denn die Gesellschaft hat sich von einer Industriegesellschaft zu einer Dienstleistungsgesellschaft mit einer breiten Mittelschicht entwickelt. Die zentrale Ursache für die Regression liegt hier: In der Angst der Mittelschichten vor dem sozialen Abstieg. Marx spricht in diesem Zusammenhang vom prozessierenden Widerspruch: Im Zuge der Produktivkraftentwicklung werden immer mehr Arbeiten wegrationalisiert bei gleichzeitig steigendem Produktionsausstoß. Zentral ist dabei, dass die abstrakte Arbeit nichts Ontologisches ist, sondern ein historisches Produkt des Kapitalismus und des Patriarchats, das in Frage gestellt werden muss. Daher kann auch der Arbeiter nicht mehr der sein, an den man einfach appelliert.

War er das jemals?

Das ist ja gerade der Gag. Bekanntlich ist ja auch das Proletariat ins Faschistische gekippt, schon in den dreißiger Jahren. Dieses ganze Konzept von der Klasse an und für sich von Marx hat sich total blamiert. Und es blamiert sich auch heute. Man könnte sich auf die Frankfurter Schule besinnen, wo in der Dialektik der Aufklärung steht, dass der Mensch im Zuge der Selbsterhaltung zum Lurch wird. Also dass er zum Reizreaktionswesen wird, das seine Existenz nicht mehr in Frage stellt und sich mit den Verhältnissen gleichmacht.

Und was ist das Problem der marxistisch-feministischen Analyse?

Nehmen wir zum Beispiel die Social Reproduction Theory von Lise Vogel. Das Buch ist schon 1983 erschienen, wird aber gerade heftig diskutiert. Vogel nimmt den Marx so, wie er ist – also den Klassenkampf-Marx, nicht meinen Fetisch-Marx –, und pinselt den Reproduktionsbereich dann einfach feministisch aus. Was sie nicht macht, ist die Frau als das andere zu fassen, als Tätige in diesem Reproduktionsbereich, der minder bewertet ist. Dieses andere umfasst bei mir ja die sozialpsychologische Seite: also die Abspaltung auch innerhalb des männlichen Subjekts, das zugeschriebene weibliche Eigenschaften als minderwertig setzt, und der Umstand, dass sich das auch in naturwissenschaftlichen, theologischen und philosophischen Diskursen nachweisen lässt. Außerdem ist die Wertabspaltung ein Prozess. Früher gab es eine Polarisierung der Geschlechtscharaktere: Der Mann ist rational mit starkem Über-Ich und die Frau emotional und sinnlich und bla bla bla. Aber das ist nicht so geblieben. Seit den siebziger Jahren werden immer mehr Frauen erwerbstätig, das Bildungsniveau ist gestiegen. Heute machen mehr Frauen Abitur als Männer. Sie gelten heute ja nicht mehr nur als Hausfrauen, sondern sind, wie Regina Becker-Schmidt sagt, doppelt vergesellschaftet. Trotzdem ist es immer noch so, dass Frauen statusmäßig unter den Männern stehen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, die gesellschaftliche Regression lasse sich schon seit Jahrzehnten in der Mitte der Gesellschaft nachweisen, habe aber in den letzten Jahren Fahrt aufgenommen. Wann war das? Mit der Krise der Globalisierung 2007, 2008?

Wilhelm Heitmeyer beschreibt diese Regression schon in den achtziger Jahren, als die Republikaner Wahlausschläge hatten. Und die von Ulrich Beck beschriebene »Individualisierung«, die in dieser Zeit einsetzt, führte ja zu großen Verunsicherungen und zur konservativen Wende der Kohl-Jahre. Nach der »Wiedervereinigung« kamen dann Rostock, Mölln und Solingen. Aber richtig los ging es 2007, 2008 mit dem Finanzcrash. Dem folgten die Eurokrise, die Griechenlandkrise und Mitte der zehner Jahre die Flüchtlingsbewegungen. Und das Resultat sind solche Figuren wie Trump und dass in ganz Europa rechte Parteien auf dem Vormarsch sind. Den Finanzcrash haben meines Wissens in der Linken nur zwei Leute vorausgesehen: der amerikanische Soziologe Immanuel Wallerstein vor dem Hintergrund seiner Weltsystemanalyse und Robert Kurz mit seiner Krisentheorie. Vorher ist er dafür verlacht worden. Das war der Kollaps-Kurz.

Warum regrediert linke Theoriebildung in der Krise des Kapitalismus? Müsste nicht eigentlich das Gegenteil der Fall sein?

Gerade nach 2008 haben sich viele Marx-Lesekreise gebildet, es gab eine neue philosophische Marx-Lektüre, Sammelband um Sammelband ist erschienen. Aber das war ein relativ kurzer Trend, und mit dem Aufstieg der Rechten ist die Linke wieder zu diesem Klassenkampf-Marxismus übergegangen und zu einem nicht geringen Teil zum Vulgär-Marxismus, weil auf die Linke zutrifft, was auf die Gesamtgesellschaft zutrifft, nämlich dass man sich in Krisenzeiten an alten Gewissheiten bzw. Dummheiten orientiert.

Gehört zur linken Regression auch, dass man glaubt, sich für Sexismus, Rassismus et cetera nicht mehr interessieren zu müssen?

In der Gegenüberstellung von Klassen und Identitätspolitik schwingt der Affekt gegen die Wokeness mit. Den verkörpert zum Beispiel das BSW. Etwas anderes ist der Versuch, den »Z«, die Zeitschrift für marxistische Erneuerung, macht, das Problem der Intersektionalität über die Klassenkampfschiene zu erklären und zu lösen. Da finden sich keine plumpen Sexismen, aber da werden Rassismus und Sexismus und so weiter wieder zu Nebenwidersprüchen erklärt. Sexismus findet also nicht direkt statt, ist aber schon angelegt. Wobei man natürlich auch sagen muss, dass die Identitätspolitik ebenfalls zu kritisieren ist. Die ist ja nicht total unschuldig, sondern selber autoritär geworden. Ich habe einen dezidiert anti-antiziganistischen Text geschrieben, in dem öfter das Wort Zigeuner vorkam. Und dann hat tatsächlich bei einer Veranstaltung einer mitgezählt, wie oft ich diesen Begriff verwende. Wie der alte Oberstudienrat, der dauernd irgendwelche Rechtschreibfehler am Rand markiert. Total formalistisch. In einem Text über Antiziganismus muss auch die Negativkonnotation, wie sie in der Dominanzgesellschaft gebräuchlich ist, vorkommen. Sprachkritik hat ja nur dann einen Sinn, wenn sie den Kontext und die Intention berücksichtigt

Roswitha Scholz: Back to the Roots. Zur Regression marxistisch-feministischer Theoriebildung heute. Texte aus 30 Jahren.
Zu-Klampen-Verlag, Springe 2025, 334 Seiten, 32 Euro.