Der Treibstoff der Weltmaschine
erschienen in Folha de Sao Paulo
im Juni 2004
Kommt es zu einer neuen Ölkrise?
In den letzten Monaten ist der dramatisch steigende Ölpreis mehr und mehr zum Politikum geworden. Das Barrel Rohöl (159 Liter) kostete in New York zeitweise mehr als 41 Dollar – das ist Weltrekord. Damit hat sich ein Faktor in den Vordergrund geschoben, der lange Zeit keine besonders wichtige Rolle mehr zu spielen schien: nämlich die energetische Basis der kapitalistischen Produktionsweise und ihres Weltmarkts. Der Ölpreis hat wegen der universellen Abhängigkeit der Produktions- und Konsumtionsprozesse von Energie nach wie vor eine Schlüsselstellung für die globale Konjunktur. Er ist kein Preis wie jeder andere. Und er wird auch keineswegs von rein ökonomischen Gesetzmäßigkeiten bestimmt. Vielmehr handelt es sich um den Preis für ein Gut, bei dem sich ökonomische, politische und ökologische oder „natürliche“ Probleme verschränken. Es ist ein alle Bereiche der gesellschaftlichen Reproduktion übergreifendes Moment, das hier wirksam wird.
Daß das moderne warenproduzierende System eine bestimmte energetische Basis hat, ist evident. Für die vormodernen agrarischen Gesellschaften kann man das nicht in derselben Weise behaupten. Der Brennstoff war in diesen Epochen der Menschheitsgeschichte vor allem Holz. Aber Verbrennungsvorgänge dienten dabei in erster Linie der Zubereitung von Essen, in zweiter Linie der Heizung von Wohnungen. Es gab durchaus Maschinen, teilweise sehr raffinierte, aber deren Funktionsweise beruhte entweder auf Wasserkraft oder auf mechanischen Hebelwirkungen in Verbindung mit tierischer oder menschlicher Muskelkraft. Verbrennungsvorgänge hatten keine zentrale gesellschaftliche Bedeutung.
Anders dagegen in der industriellen Produktionsweise des modernen warenproduzierenden Systems: Hier steht technologisch die Verbrennung im Mittelpunkt, es handelt sich um eine regelrechte Verbrennungskultur. Denn die moderne Maschinerie des Industriesystems besteht wesentlich aus Verbrennungsmaschinen. Das gilt für die Produktion ebenso wie für die Konsumtion, den Verkehr und die kulturelle Sphäre. Es handelt sich entweder um direkte Verbrennungsvorgänge (Dampfmaschine, Auto, Flugzeug usw.) oder um die Verwendung von elektrischer Energie, die indirekt durch Mega-Verbrennungsvorgänge in Kraftwerken gewonnen wird. Insofern handelt es sich bei fast allen modernen Maschinen um Verbrennungsmaschinen, vom Kaffeeautomaten bis zur Großturbine, vom CD-Player bis zur Lokomotive.
Es versteht sich von selbst, daß eine derartige universelle Verbrennungskultur nicht mehr auf dem Rohstoff Holz beruhen kann, sonst würde auf der Erde schon längst kein einziger Baum mehr wachsen; ganz abgesehen davon, daß dieser „junge“ biologische Rohstoff technisch nicht für regelmäßige maschinelle Verbrennungsvorgänge geeignet ist. Deshalb mußte die moderne Verbrennungskultur auf die fossilen Rohstoffe Kohle, Erdgas und vor allem Erdöl als Energieträger zurückgreifen, in denen Jahrmillionen von Sonnenenergie gespeichert sind. Und erst in diesem Sinne kann man von einer energetischen Basis der Gesellschaft sprechen. Mit der Technologie der Dampfmaschine war dabei im 19. Jahrhundert die Kohle bestimmend, während mit der Technologie des Verbrennungsmotors und des Elektromotors im 20. Jahrhundert das Öl (und in zweiter Linie das Erdgas) bestimmend wurden.
Die neue Qualität der globalen Krise in der dritten industriellen Revolution der Mikroelektronik zeigt sich daran, daß sie nicht nur als ökonomische, sondern auch als energetische Krise in Erscheinung tritt. Strukturelle Massenarbeitslosigkeit in einem bisher unbekannten Ausmaß und „Ölkrisen“ oder Energiekrisen erschüttern das moderne Weltsystem seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts in wachsendem Ausmaß. In gewisser Weise handelt es sich um zwei verschiedene Arten von Krisen der Energie mit gegensätzlicher Richtung. Denn die kapitalistische Kultur ist eine Verbrennungskultur im doppelten Sinne. Technologisch beruht sie auf Verbrennungsmaschinen, sozialökonomisch auf der Verbrennung menschlicher Arbeitskraft für den Zweck der Verwertung von Geldkapital.
Wert, der sich in der Geldform „darstellt“, wie Marx sagt, ist nichts anderes als ein bestimmtes Quantum verausgabter menschlicher Energie im spezifischen gesellschaftlichen Rahmen kapitalistischer Warenproduktion. Was Marx als „abstrakte Arbeit“ und als „Substanz des Kapitals“ bezeichnet hat, besteht letztlich aus Verbrennungsvorgängen des menschlichen Körpers, gemessen in Zeiteinheiten. Diese verausgabte Energie gerinnt als „Leistung“ im ökonomischen Wert, und zwar unabhängig vom konkreten Inhalt der Produktion. Was für den Prozeß der Verwertung interessiert, ist nicht die Frage, was stofflich produziert wird. Ob Möbel oder Kanonen, das ist ganz egal; Hauptsache, es wird dabei menschliche Arbeitskraft verbrannt, die sich in Geld verwandeln läßt, und zwar in mehr Geld als die ursprünglichen Kosten der Investition, also in Profit. Die Substanz dieses Vorgangs, „abstrakte Arbeit“ oder Verbrennung von Arbeitskraft, hat zwar einen materiellen Inhalt, nämlich die physiologische „Verausgabung von Nerv, Muskel, Hirn“ (Marx). Aber dieser Inhalt ist abstrakt, nicht konkret. Er ist deshalb weder „natürlich“ noch transhistorisch. Denn weder in der Natur noch in anderen Gesellschaften als der modernen kommt es vor, daß die Verausgabung von Energie getrennt von der konkreten stofflichen Form dieser Verausgabung behandelt oder „dargestellt“ wird. Genau das geschieht jedoch, wenn der materielle Gegenstand gleichgültig ist und es nur auf die abstrakte Substanz „Arbeit“ in der Form des Geldes ankommt.
Menschliche Arbeitskraft kann jedoch nicht beliebig verbrannt werden. Damit dieser Verbrennungsvorgang „rentabel“ ist, muß er auf dem jeweils gültigen Standard-Niveau der Produktivität stattfinden. Die ökonomische Krise besteht gerade darin, daß aufgrund einer „zu hohen“ Produktivität die vorhandene menschliche Arbeitskraft nicht mehr rentabel verbrannt werden kann und brach liegen muß. Dieses in der Vergangenheit bloß relative, konjunkturelle Problem ist in der dritten industriellen Revolution zum absoluten, strukturellen Problem geworden. Arbeitskraft steht massenhaft und immer billiger zur Verfügung, aber diese Masse menschlicher Energie ist „überflüssig“. Genau umgekehrt verhält es sich mit den fossilen Rohstoffen als Energieträger für die technologische Ebene der kapitalistischen Verbrennungskultur. Diese werden zunehmend knapp und daher immer teurer. Die doppelte energetische Krise der Kapitalakkumulation besteht also darin, daß die menschliche Energie nicht mehr ausreichend verbraucht werden kann, weil sie massenhaft unrentabel geworden ist, während die fossile Energie nicht mehr ausreichend verbraucht werden kann, weil sie zu teuer geworden ist. Entwertung der Menschen und Aufwertung des Öls, das ist die kurze Formel für das zunehmende Dilemma der herrschenden Produktions- und Lebensweise.
Die beiden Momente der energetischen Krise haben sich zunächst ungleichmäßig entwickelt. In den 70er Jahren stand die Ölkrise im Mittelpunkt. Ein wichtiger Grund für das Ende des Booms nach dem Zweiten Weltkrieg war die Explosion der Energiepreise. Auf dem damaligen Höhepunkt der Ölkrise kam es in Europa sogar teilweise zu Fahrverboten für Automobile; in Deutschland waren deswegen an bestimmten Tagen die Straßen gespenstisch leer. Der Ölpreis wurde erstmals zum Politikum und das anti-arabische bzw. anti-moslemische Feindbild des Westens wurde geboren, längst bevor das anti-kommunistische bzw. anti-sowjetische Feindbild sich als obsolet erwiesen hatte. Für mehr als ein Jahrzehnt wurde die ökologische Debatte zum Fokus der Gesellschaftskritik; der Club of Rome proklamierte das baldige Ende des „Ölzeitalters“.
Seit Mitte der 80er Jahre trat jedoch die Ölkrise wieder in den Hintergrund. Die Preise gaben nach, weil die Maßnahmen der Staaten, Konzerne und Privathaushalte zwecks Einsparen von Energie zumindest teilweise erfolgreich waren und neue Anbieter auf den globalen Energiemärkten auftraten. Stattdessen machte sich nun die Krise der menschlichen Energie in Form der globalen strukturellen Massenarbeitslosigkeit immer stärker bemerkbar, mit der Folge einer anhaltenden Schwäche des globalen Wachstums und sogar der ökonomischen Zusammenbrüche ganzer Nationalökonomien. Während sich die Entwertung der menschlichen Energie seither unaufhaltsam weiter zuspitzt, scheint inzwischen auch die Ölkrise zurückzukehren, wie der ebenso unaufhaltsame Anstieg der Ölpreise zeigt. Die beiden Momente der energetischen Krise beginnen sich zu verschränken und gegenseitig hochzuschaukeln.
Wegen der zentralen Bedeutung des Öls als „Treibstoff der Weltmaschine“ ist der Ölpreis immer auch ein politischer Preis, also nicht allein durch die Marktgesetze bestimmt. Der dramatische Anstieg dieses Preises hat daher auch einen politischen oder quasi-politischen Grund. Dabei gibt es jedoch einen entscheidenden Unterschied zu den 70er Jahren. Damals bestand der politische Grund für die Preisexplosion des Öls in der Gründung des OPEC-Kartells. Dieser politische Akt stand noch ganz im Zeichen „nachholender Modernisierung“: Die postkolonialen Staaten der 3. Welt mit reichen Ölvorkommen wollten ihren wichtigsten Rohstoff zu wesentlich besseren Konditionen an die westlichen Industrieländer verkaufen, um sich ihren Anteil an der noch ungebrochenen Aufwärtsbewegung des globalen Wachstums zu sichern.
Ganz anders heute. Das Wachstum der Weltwirtschaft stagniert oder beruht nur noch auf Finanzblasen und Defizitkreisläufen, die „nachholende Modernisierung“ der 3. Welt ist weitgehend zusammengebrochen. Die Regierungen der OPEC-Staaten sind dem Westen ausgeliefert und suchen das defensive Bündnis mit den USA, um die explosive Lage ihrer Gesellschaften unter Kontrolle zu halten. Der neue politische Faktor beim Anstieg des Ölpreises ist eigentlich ein post-politischer Faktor, nämlich der islamische Terrorismus als Folgeerscheinung der Krise. Al-Kaida und ähnlichen Organisationen geht es nicht mehr um einen Anteil am Kuchen des globalen Wachstums; sie wollen den Westen in seiner ökonomischen Substanz treffen, ohne eine eigene Perspektive zu haben. Diese irrationale Reaktion auf die Irrationalität des Weltmarkts ist viel gefährlicher als das frühere bürgerlich-rationale Kalkül des OPEC-Kartells. In immer kürzeren Abständen finden im Irak, in Saudi-Arabien und anderswo Angriffe auf Öl-Förderanlagen und Pipelines statt. Es ist das Pech des Kapitalismus, daß sich die zentralen Ölreserven ausgerechnet in den brisantesten Krisen- und Zusammenbruchsregionen der Welt befinden. Je stärker die Sicherheitskosten ansteigen, desto stärker steigt auch der Ölpreis.
Der post-politische Faktor des terroristischen Angriffs auf den „Treibstoff der Weltmaschine“ ist jedoch nicht der einzige und nicht einmal der wichtigste Grund für den unaufhaltsamen Anstieg der Energiepreise. Der zentrale energetische Rohstoff wird überhaupt immer knapper. Dafür sind zum einen ökonomische Gründe maßgebend. Die vorhandenen Kapazitäten der Förderung und Verarbeitung von Öl und Erdgas im arabischen Raum, in Mittelasien und Rußland, aber auch in Afrika und Lateinamerika sind hoffnungslos veraltet und marode. Die jeweiligen Länder besitzen nicht die Kapitalkraft, um die nötig gewordenen gewaltigen Investitionen bezahlen zu können, die westlichen Konzerne scheuen das unberechenbare Risiko und konzentrieren sich lieber auf die Finanzmärkte, und die westlichen Staaten sind finanziell allein schon mit den Sicherheitskosten überfordert. Deshalb sinkt die globale Förderkapazität eher statt zu steigen.
Zum andern aber treten die Erfordernisse einer globalen Wachstumsökonomie und die natürlichen Reserven an fossilen energetischen Rohstoffen grundsätzlich in ein Mißverhältnis. Selbst wenn der Terrorismus verschwindet und das Investitionskapital im Mega-Maßstab fließt, wird das Öl trotzdem knapper und teurer werden. Die natürlichen Reserven sind einfach nicht groß genug. Die Welt ist inzwischen mit immer mehr verfeinerten Methoden nach Öl längst abgegrast, die Entdeckung neuer großer Vorkommen ist nicht mehr zu erwarten. Nach umstrittenen, eher zu hohen Angaben existierten auf der Erde absolut etwa 2000 Milliarden Barrel Öl. Davon ist in 150 Jahren Industrialisierung bereits die Hälfte verbraucht worden. Das heißt natürlich nicht, daß der Rest noch einmal 150 Jahre reicht. Der ökonomisch immanente Zwang zum Wachstum frißt die Reserven mit immer höherer Geschwindigkeit. Die Produktion kann mit dem Bedarf nicht mehr Schritt halten.
Das Wachstum in China und Indien, ohnehin prekär wegen der einseitigen Export-Orientierung auf die Defizit-Ökonomie der USA, saugt spürbare Massen energetischer Rohstoffe vom Weltmarkt. China, vor kurzem noch Exporteur von Öl, verbraucht heute täglich doppelt soviel Öl wie es selbst produzieren kann und ist zum zweitgrößten Energieverbraucher der Welt (noch vor Japan) aufgestiegen. Das Resultat ist aufgrund des niedrigen Ausgangsniveaus des Sozialprodukts in China und Indien kein globaler Schub des Wachstums, sondern die globale Verschärfung der doppelten energetischen Krise: Eine rapide wachsende Masse von Arbeitskraft der mehr als 2000 Millionen Menschen in China und Indien wird entwertet, während durch denselben Prozeß der Export-Industrialisierung der Ölpreis nach oben katapultiert wird.
Die Grenze des modernen warenproduzierenden Systems ist eine doppelte, eine innere ökonomische und politische, und eine äußere ökologische und energetische. Das Öl wird zu teuer, längst bevor die physischen Reserven erschöpft sind. In Kombination mit einer völligen Entwertung der menschlichen Arbeitskraft reift eine Situation heran, in der „die auf dem Wert beruhende Produktionsweise“ (Marx) nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. Daß eine universelle Verbrennungskultur nicht von historisch langer Dauer sein kann, sollte allerdings unmittelbar einleuchten.
