Es geht ans Eingemachte

erschienen im Neuen Deutschland
am 23.7.2004

Wer erinnert sich noch an das Schlagwort von der Zweidrittelgesellschaft aus den 80er Jahren? Damals galt es als schlimme Perspektive, daß ein Drittel der BRD-Bevölkerung zu den Verlierern gehören könnte. Im Umkehrschluß schwang aber gleichzeitig die satte Zufriedenheit mit, daß immerhin zwei Drittel gut gepolstert bleiben würden. Das versprach gesellschaftliche Stabilität. Und die im Dunkeln sieht man nicht. Inzwischen aber breitet sich das Dunkel mit rasender Geschwindigkeit aus. Die Hartz-Gegenreformen zielen bereits auf die Mitte der sozialen Pyramide. Zweidrittelgesellschaft heißt in der Perspektive heute, daß nur noch ein Drittel sozial gut gestellt bleibt und die große Mehrheit zu den Verlierern gehört. Ganz unten bei den Alten, chronisch Kranken, Langzeitarbeitslosen, Alleinerziehenden usw. gibt es jetzt schon Verelendungsprozesse. Und der aktuelle soziale Angriff von „Kostenkiller Schrempp“ auf die Daimler-Belegschaft in Sindelfingen zeigt, daß nun sogar im oberen Drittel gewildert wird.

Endlich gibt es mit Streiks Ansätze einer realen Gegenwehr, im Unterschied zu den vielen bloß symbolischen und eher weinerlichen Kundgebungen, wie sie den Sozialabbau in den letzten Jahren begleitet haben. Kehrt jetzt doch der Klassenkampf als klassischer Verteilungskampf zurück? Das ist aus mehreren Gründen unwahrscheinlich. Nicht nur die Schlüsselbranche der Automobilindustrie steht vor einem weltweiten Abbau von Überkapazitäten. Daimler hat sich mit Chrysler und Mitsubishi für (geliehene) astronomische Summen Todeskandidaten eingekauft. Überhaupt sind die Gewinne selbst der größten Konzerne zweifelhaft, weil oft finanzkapitalistisch „getürkt“. Das wissen im Grunde alle, und deshalb können die Beschäftigten nicht einfach auf den Zug einer weltweiten realen Akkumulation aufspringen und ihren Anteil fordern. Die Lebensinteressen sind nicht mehr systemkonform zu verteidigen.

Zum andern ist es nicht mehr so weit her mit dem „starken Arm“, der alle Räder still stehen läßt. Die Belegschaften sind durch Outsourcing ausgedünnt und zersplittert. Vor allem aber dominiert in der „organischen Zusammensetzung des Kapitals“ (Marx) längst und immer mehr der Einsatz der verwissenschaftlichten Sachmittel. Deren Preise sind kaum durch Pressionen zu drücken, aber der Preis der Ware Arbeitskraft sehr wohl. Deshalb wird hier der Kostenhebel angesetzt, obwohl die Arbeit aus betriebswirtschaftlicher Sicht ein rapide abnehmender Produktionsfaktor ist. Die wirklich „Mehrwert schöpfende Klasse“ schrumpft, darin besteht ja die innere Schranke der Akkumulation. Deshalb ist diese Basis auch zu schmal geworden für durchschlagskräftigen sozialen Widerstand. Die gesellschaftliche Masse machen nicht bloß klassische Arbeitslose aus, sondern auch Scheinselbständige, Ich-AGs, Elendsunternehmer (etwa im Transportgewerbe), prekarisierte Empfänger von Transferleistungen, Menschen in Warteschleifen (Arbeitsamtskursen usw.). Die „Arbeit“, die doch Basis des alten Klassenkampfs war, ist obsolet geworden.

Unter diesen Bedingungen blüht die Krisenkonkurrenz statt entschlossener Widerstand. Laut einer Forsa-Umfrage stimmen mehr als 50 Prozent der Bundesbürger unbezahlter Mehrarbeit zu. Für eine Resolidarisierung bedürfte es erstens einer Mobilisierung, die den Rahmen der betrieblichen Beschäftigung grundsätzlich durchbricht und eine andere gesellschaftliche Organisationsebene besetzt. Der klassische Streik müßte als Kampfmittel ergänzt werden durch Blockaden der kapitalistischen Nervenbahnen, wobei sich auch die Masse der Nicht-Beschäftigten beteiligen kann. Zweitens wird die Debatte über gesellschaftliche Alternativen jenseits von Lohnarbeit, Betriebswirtschaft, Geldverwertung, Markt und Staat entscheidend. Nicht deshalb, weil eine andere Gesellschaft sofort erreichbar ist, sondern weil es nur so einen Bezugsrahmen für die Überwindung der Krisenkonkurrenz gibt. Es geht ans Eingemachte. Gerade deshalb muß das „Gespenst des Kommunismus“ neu erfunden werden.