„Kenner“ statt Theoretiker?
Franz Schandl hat sich in den „Streifzügen“ 43/2008 als Postmoderner geoutet und Abschied von den „Meisterdenkern“ genommen. An die Stelle des Theoretikers tritt der „Kenner“, der sich vor allem in den Biographien auskennt: der Blick aus der Kammerdienerperspektive, der schnell zur Kammerjägerperspektive mutiert. So hat Marxens „Theoriewahn“ ihm nur Furunkeln und ein Leberleiden eingebracht. Wenn er sich als Journalist an die bürgerliche Presse in England verkauft hätte, so wäre er vielleicht nicht im Elend gelandet.
Nun war Marx der Letzte, der die Problematik seines Lebens nicht begriffen hätte. Er schrieb zu seinem umfangreichen Manuskript der „Grundrisse“ am 12. 11. 1858 an Lassalle: „In allem …, was ich schrieb, schmeckte ich aus dem Stil das Leberleiden heraus. Und ich habe doppelte Ursache, dieser Schrift nicht zu erlauben, durch medizinische Gründe verdorben zu werden: 1). Ist sie das Resultat fünfzehnjähriger Forschung, also der besten Zeit meines Lebens. 2.) Vertritt sie zum erstenmal eine wichtige Ansicht der gesellschaftlichen Verhältnisse wissenschaftlich. Ich schulde also der Partei, dass die Sache nicht verunstaltet wird durch solche dumpfe, hölzerne Schreibmanier, wie sie einer kranken Leber eigen“ („Partei“ ist hier als Richtung gemeint, nicht wie später als spezifische Organisationsform).
Marx ist als „Mensch in seinem Widerspruch“ (Goethe) zu akzeptieren; seine theoretischen Leistungen sind ohne ihn selbst nicht zu haben, oder wir landen wieder beim „Diamat“. Schandl hat sich entschieden: Gegen kritische Theorie, die ihren Namen verdient, und für eine „Hausmannskost“, die weder schmeckt noch haltbar ist. Vor allem wird interessant sein zu verfolgen, ob er nur für sich oder für Rest-Krisis spricht. Es gibt jedenfalls Indizien dafür, dass man dann wohl lieber auf die Theorie verzichten will.
