Radikale Sprachkritik?
Wenn für eine emanzipatorische Antimoderne die Überwindung, der Bruch mit der bisherigen Geschichte als einer Geschichte von Fetischverhältnissen ansteht1), wenn in der Auseinandersetzung mit der „aller modernen Theorie zu Grunde liegende(n) Philosophie der Aufklärung“2) „das notwendige Pathos der Befreiung … am Ende der Modernisierungsgeschichte endlich konsequent anti-ontologisch werden (muss)“3) und wenn es bei aller emanzipatorisch-kritischer Bemühung um den „Aufbau einer kommunikativen, nicht-warenförmigen Handlungs- und Reproduktionsstruktur“4) zu tun ist, dann erscheint es mir aus emanzipatorischer Sicht unerlässlich, auch auf linguistisch-gebrauchstheoretische und darüber vermittelt auf sprachphilosophische Untersuchungen, Forschungen, Analysen, Beschreibungen zurückzugreifen. Denn im Rückgriff auf derartige, die Bedeutung und das sprachliche, das kommunikative Handeln betreffende Untersuchungen, Forschungen, Analysen, Beschreibungen zeigt sich: Bevor ein antiker Philosoph in soz. hierarchisch-vertikaler Motivation Philosophie als Ontologie konzipiert5), bevor ein Aufklärungsphilosoph so etwas wie eine Subjekt-Objekt-Beziehung oder demgemäß eine ,dialektische Logik‘ kreiert6) und bevor dann entsprechende intellektuelle Erzeugnisse im großen (oder auch kleinen) Stil die jeweilige Fetischform und deren Affirmation als ideologische Reflexionsgestalten darstellen7), da wurde, getreu der traditionellen Auffassung, dass jeder prädikative Satz für eine Zusammensetzung steht8), die Bedeutung und damit der Sprachgebrauch, d.h. das sprachliche, das kommunikative Handeln, allemal schon vergegenständlicht und damit ein Verhältnis falscher Objektivierung, eine fetischistische Objektivierung bereits hier zur Wirkung gebracht9): Die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke scheint sich wie selbstverständlich einer dinglichen Eigenschaft dieser Ausdrücke, ihrer Eigenschaft, für Gegenstände zu stehen, zu verdanken.10)
So setzt Aristoteles in seiner maßgebenden Konzeption von Philosophie als Ontologie nicht nur voraus, dass der Subjektausdruck in prädikativen Sätzen für einen (konkreten) Gegenstand steht und vergegenständlicht so dessen Bedeutung; sondern er vergegenständlicht, wenn auch in einer gewissen, für die Tradition folgenreichen Unentschiedenheit, ebenso die Bedeutung der Prädikate.11)
Und was die Kreation einer Subjekt-Objekt-Beziehung und einer darauf aufbauenden ,dialektischen Logik‘ betrifft, so ist hier die Orientierung am ,Vorstellen‘ maßgebend12), die wiederum verwurzelt ist in der konzeptualistischen Vergegenständlichung der Bedeutung der Prädikate zu etwas im Geist Erzeugtem und Vorhandenem13). In dieser Orientierung werden dann nicht nur die Bedeutung von Prädikatsausdrücken als Vorstellungen abstrakter, sondern ebenso die Bedeutung der Subjektausdrücke als Vorstellungen konkreter Gegenstände vergegenständlicht und das Bewusstsein gerät zu einer ,Dimension der Vorstellungen‘14): In einer sozusagen vorsprachlichen Bezugnahme15), also ohne den referentiellen Gebrauch sprachlicher Ausdrücke16) und schon gar nicht propositionale Bewusstseinsweisen zu berücksichtigen17), soll sich das Bewusstsein auf Gegenstände beziehen, indem es sie ,vorstellt‘18).
Ist nun Verstehen und Verständigung, deren implizite Voraussetzungen19) bzw. deren Möglichkeit20) zentrales Thema sowohl der sprachanalytischen Philosophie als auch einer am ,späten‘ Wittgenstein orientierten Linguistik21) und bietet sich – bei überhaupt fließenden Grenzen zwischen sprachanalytischer Philosophie und ,empirischer Sprachwissenschaft‘22) – im Rückgriff auf Wittgenstein für beide eine anti-elitäre, soz. horizontale, alle Fachbornierung sprengende lebenspraktische Motivation an23), so gehen Praktische Semantik und Linguistische Kommunikationsanalyse als sprachwissenschaftliche Forschungsrichtungen in ihren Beiträgen zu einer Theorie sprachlichen Handelns24) – man könnte sagen: eben in lebenspraktischer Hinsicht – entscheidend über die (philosophische) Sprechakttheorie hinaus.
Liegt sowohl der Sprechakttheorie25) als auch Praktischer Semantik und Linguistischer Kommunikationsanalyse Wittgensteins Gebrauchstheorie der Bedeutung zugrunde26), so ist es für die letzteren nicht mehr der einzelne Sprechakt27), der im Mittelpunkt des Interesses steht, sondern es sind die sprachlichen Handlungen der Sprecher im kommunikativen und interaktiven Zusammenhang28); und ist es nun ein geregelter Gebrauch, der, Wittgensteins funktionaler Zeichenauffassung gemäß, den sprachlichen Zeichen ihre kommunikative Funktion verleiht29), wird demgemäß die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke nicht nur als etwas angesehen, das im Gebrauch dieser Ausdrücke besteht, sondern als Regel bzw. Regeln eben dieses Gebrauchs30) und kommt dann der Spielregel als Muster für den entsprechenden Regelbegriff eine wichtige Rolle zu31), dann hat dies nichts, aber auch gar nichts zu tun mit fetischistischen Objektivierungen etwa im postmodernen oder poststrukturalistischen Sinn32): Die Bedeutung, aus gebrauchstheoretischer Sicht, sie ist nichts, was sich einer vermeintlichen Eigenschaft sprachlicher Ausdrücke, für Gegenstände zu stehen, verdanken würde; die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke, verstanden als die Regeln ihres Gebrauchs, sie ist etwas, das allein in einer Praxis lebt und Gültigkeit hat33); sie ist etwas, das historisch entsteht und sich verändert und in Teilen sogar direkt veränderbar ist34); und sie ist etwas, das erlaubt, menschliches Handeln, sprachliches wie nichtsprachliches, grundlegend von naturgesetzlich erklärtem natürlichem Geschehen oder tierischem Verhalten zu unterscheiden35).
Macht all dies (zumindest ansatzweise) deutlich, dass die Gebrauchstheorie der Bedeutung – jenseits aller vergegenständlichenden Reflexion auf die Bedeutung und d.h. ohne eine fetischistische Objektivierung zur Wirkung zu bringen – nicht nur u.a. die Möglichkeit bietet
- das sprachliche, das kommunikative Handeln zu untersuchen, zu erforschen, zu analysieren, zu beschreiben36),
- das ,Subjekt‘ als „modernen Handlungsträger“37) in seiner spezifischen kapitalistischen Reduktion als deformiertes regelgeleitetes Lebewesen zu erfassen38)und ebenso die ,Subjektform‘ als moderne, kapitalistische „Form des Handelns“39),
- das Verhältnis Theorie-Praxis handlungstheoretisch auf eine befriedigende Art und Weise zu bestimmen40),
sondern dass ihr eine durch und durch anti-bürgerliche, emanzipatorisch-kritische Potenz innewohnt, so erscheint auch klar, dass sie, um diese Potenz wirklich entfalten zu können, geradezu danach verlangt, eingebunden zu werden in eine radikale Kritik der Warengesellschaft (radikale Kritik fetischistischer Vergesellschaftung). Denn bleibt ihr auch die, sagen wir: Bürgerlichkeit ihrer akademischen Vertreter nicht nur äußerlich, sondern scheint sie geradezu gegen diese Bürgerlichkeit konzipiert, so ist es wohl kein Zufall, wenn eben diese Vertreter dann versuchen, die Gebrauchstheorie sozusagen im Namen einer ,bloßen‘ Sprachkritik wieder entsprechend zu verwursten.
So kriecht H. J. Heringer in seinem Buch zur „Darlegung, Aufklärung und Fortentwicklung“ der „inneren Verwobenheit“ von „Politik, Sprache und Moral“41)nicht nur der Zirkulationsideologie auf den Leim42), betätigt sich als ,Lebensbuntheitsvorgaukler‘43), idealisiert Politik44), Demokratie45) und sogar das ,Gemeinwohl‘46), sondern redet bei alldem zuerst und zuletzt einer ,bloßen‘ Sprachkritik das Wort47), die auf einer kommunikativen Moral gründen muss48) und deren „Aufgabe“ in Anwendung auf die Politik dann charakteristischerweise „in der Hauptsache die Kultivierung des politischen Sprechens, und das heißt des politischen Handelns“ sein soll49).
Scheint wohl, wann immer gesprochen wird, auch Sprachkritik notwendig50), so wäre es jedoch erst in einer endlich realisierten kommunikativen Vergesellschaftung jenseits von Markt und Staat (jenseits des gesellschaftlichen Fetischismus) – und nicht nur, weil es auch dann noch Arschlöcher geben wird51) – mit einer ,bloßen‘ Sprachkritik getan; einer Sprachkritik, die – als schlichte „Analyse des Gebrauchs der Sprache“ – „eine Übersicht über den Gebrauch und über die Konsequenzen bestimmter Sprachspiele (gewährt)“ und so dazu dient, „sich bewusst zu werden, was durch die Sprache und das Sprachspiel gegeben ist“.52)
Aber bis dahin gilt: Auch (und gerade!) eine Sprachkritik im Sinne der Gebrauchstheorie muss eingebunden sein in eine radikale Kritik der Warengesellschaft (eine radikale Kritik fetischistischer Vergesellschaftung), denn schließlich ist auch Wittgensteins „Friede in den Gedanken“ – als auf „gelingendes Leben“ absehende Motivation, als „ersehntes Ziel dessen, der philosophiert“53) – Utopie und muss Utopie bleiben54), im Maße als bei entsprechenden sprachkritischen Bemühungen, philosophischen oder linguistischen, zwar von metaphysischer Verwendung von Wörtern die Rede ist55) und auch durchaus noch konstatiert wird, dass „unsere Sprache voll abgesunkener Theorie und Ideologie (ist)“56); man im Anschluss daran aber ganz und gar darauf verzichtet, irgendwelchen metaphysischen Sprachgebrauch, irgendwelche „abgesunkenen Theorien und Ideologien“ hinsichtlich fetischistischer Objektivierungen und darauf aufbauender ideologischer oder auch nur ,proto-ideologischer‘, die jeweilige Fetischform und deren Affirmation darstellender Reflexionsgestalten letztlich in ihrem Verhältnis zu einer maximal destruktiven und schon aus reiner Selbsterhaltung zu überwindenden Vergesellschaftung zu bestimmen57).
Anmerkungen
1) Vgl. Kurz 2004, S. 152 u. 83.
2) Zit. n. Kurz 2004, S. 8.
3) Zit. n. Kurz 2004, S. 12.
4) Zit. n. Kurz 2004, S. 219.
5) So soll „innerhalb des Kognitiven“ für Aristoteles „der theoretischen Wissenschaft und schließlich der Philosophie“ eine „höchste Motivation“ zukommen (zit. n. Tugendhat 1976, S. 31f). Und demgemäß soll dann „die höchste, ausgezeichnete Wissenschaft, genannt Philosophie, … universal sein und gleichwohl nicht in einem Begründungsverhältnis zu den einzelnen Wissenschaften stehen“ und „diese Auffassung führt …, sofern sie sich am Begriff des Seienden (on) orientiert, zu der Konzeption von Philosophie als Ontologie (Lehre vom Seienden)“. (Zit. n. Tugendhat 1976, S. 35.)
6) Die aufklärerische Kreation einer ,dialektischen Logik‘ setzt die aufklärerische Kreation der sog. ,Subjekt-Objekt-Beziehung‘ voraus. Vgl. Anmerkung 12.
7) Vgl. z.B. Kurz 2004, S. 116: „Gewiss stellen gerade die intellektuellen Erzeugnisse oft ganz unmittelbar die Fetischform und deren Affirmation als Reflexionsgestalten dar.“
8) Vgl. dazu Tugendhat/Wolf 1986, S. 79f: „Man kann die traditionelle Auffassung aus der sprachlichen Perspektive so zusammenfassen, dass ihr zufolge alle einfachen Aussagesätze prädikativ sind, d.h. sich aus Subjekt und Prädikat zusammensetzen. … In der Tradition ist … das grammatische Verständnis dieser Termini immer mit einem semantischen (bedeutungsmäßigen) Verständnis verbunden gewesen. Was mit „Prädikat“ und „Subjekt“ semantisch gemeint war, ist, dass ein prädikativer Satz die Struktur hat, dass etwas (das, wofür das Prädikat steht) von etwas (von dem, wofür der Subjektausdruck steht) ausgesagt („prädiziert“) wird. … Damit hat sich in der gesamten Tradition von Aristoteles bis ins 19. Jahrhundert die Auffassung verbunden, dass jeder prädikative Satz (bzw. jedes Urteil) für eine Zusammensetzung („Synthesis“) steht: …“ Und: „Diese traditionelle Auffassung setzt voraus, dass sowohl das Subjekt wie das Prädikat für etwas, für einen Gegenstand (oder, wie man auch sagt, für eine Entität) steht, denn die Rede von einer Zusammensetzung setzt voraus, das etwas mit etwas zusammengesetzt wird, ein Gegenstand mit einem anderen Gegenstand.“ (Zit. n. Tugendhat/Wolf 1986, S. 85.)
9) Vgl. dazu Tugendhat 1976, S. 51: „Was ist es denn aber, was die traditionelle Ontologie daran gehindert hat und es auch uns so schwer macht, auf die semantische Dimension als solche einzugehen? Woher kommt es, dass wir unwillkürlich auch das nichtgegenständliche Verstehen sprachlicher Ausdrücke gegenständlich umdeuten? Es kommt offenbar daher, dass, wenn wir von etwas sprechen, dies per definitionem ein Gegenstand ist. Wir können uns daher nur auf Gegenstände thematisch richten, das Verstehen ist wesensmäßig unthematisch. Wenn wir auf die Bedeutung unserer Ausdrücke eingehen wollen, sehen wir uns deswegen vor besondere Schwierigkeiten gestellt: die Bedeutung ist nicht das, worauf wir natürlicherweise gerichtet sind; wir müssen also eine unser natürliches Gerichtetsein hemmende Reflexion vollziehen. Und dann müssen wir noch darauf bedacht sein, dass wir das, worauf wir in dieser Reflexion eingehen, nicht seinerseits vergegenständlichen.“
10) Man könnte sagen: Die Gesellschaftlichkeit ihrer Sprache erscheint den Menschen als Eigenschaft der von ihnen gebrauchten Zeichen, der von ihnen gebrauchten sprachlichen Ausdrücke, der von ihnen gebrauchten Sätze.
11) Für Aristoteles ist es soz. die Gegenständlichkeit der Gegenstände, die das ausmacht, was den einzelnen Wissenschaften in formaler Allgemeinheit gemeinsam sein und entsprechend von der Philosophie als der höchsten Wissenschaft thematisiert werden soll (vgl. dazu auch Tugendhat 1976, S. 48); und in seiner ontologischen Thematisierung dieser Gegenständlichkeit sollen es dann zwar keine selbständigen Gegenstände sein, für die Prädikate in prädikativen Sätzen stehen (vgl. u.a. Tugendhat/Wolf 1983, Kap. 8, insb. 8.1-8.3), aber da ihm „eine explizit semantische Fragestellung … unbekannt (war)“, „kam es dazu, dass er die prädikativen Bestimmungen teils als onta (Seiendes) bezeichnete, teils als legomena (Gesagtes)“ und schließlich „musste er die Bedeutung der Prädikate, auch wenn er sich dagegen wehrte, sie mit Platon als selbständige Gegenstände aufzufassen, gleichwohl vergegenständlichen. So kommt es zu einer eigentümlichen Erweiterung des Begriffs des Seienden (on). Er ist – mitsamt den Begriffen des Einen und des Etwas – umfassender als der des Gegenstandes (tode ti)“ (zit. n. Tugendhat 1976, S. 45f).
12) Vgl. z.B. Tugendhat 1976, S. 89: „Zu der Orientierung am ,Vorstellen‘ kamen immer auch andere Gesichtspunkte hinzu, sie blieb jedoch bestimmend. Besonders fragwürdig ist die Entwicklung dieser Problematik im deutschen Idealismus, die einer eigenen kritischen Interpretation bedürfte: hier wurde das Vorstellen seinerseits noch formalisiert zu einer ,Subjekt-Objekt-Beziehung‘, und diese versuchte man nun mit allgemeinen logisch-ontologischen Begriffen wie Identität und Entgegensetzung zu fassen, Begriffen, die ihrerseits, ohne ihre Satzstruktur zu berücksichtigen, naiv aufgenommen und dann – da das Bewusstsein angeblich mit dem Verstand, den Mitteln der Logik nicht zu fassen sei – in einer sogenannten dialektischen Logik paradox verbunden wurden.“ Zur sprachanalytischen Kritik an der Hegelschen Dialektik siehe insb. Tugendhat 1981, 13. u. 14. Vorlesung.
13) Ausgehend von der aristotelischen Unentschiedenheit, die Vergegenständlichung der Bedeutung der Prädikate betreffend (vgl. Tugendhat 1976, S. 45f), gab es ja im Mittelalter den sog. Nominalismus- bzw. Universalienstreit, in dem die konzeptualistische Seite bekanntlich die Position vertrat, dass es das, wofür Prädikate stehen, die sog. „Universalien“, „zwar nicht in der Wirklichkeit gibt, wohl aber im Geist, im Denken: sie werden durch „Abstraktion“ im Denken erzeugt“ (zit. n. Tugendhat/Wolf 1986, S. 131). Und nach Durchsetzung der konzeptualistischen Auffassung in der frühen Neuzeit (vgl. Tugendhat/Wolf 1986, S. 131) ist dann entsprechend nur noch von ,Vorstellungen‘ die Rede: „Die Logik von Port-Royal spricht von allgemeinen Vorstellungen (idées universelles), die durch Abstraktion gewonnen werden. Genauso spricht Locke von „abstract ideas“ und Kant erklärt Begriffe als „allgemeine Vorstellungen“ … .“ (Zit. n. Tugendhat/Wolf 1986, S. 131f.)
14) Vgl. z.B. Tugendhat 1976, S.16. Zur repräsentationstheoretischen und transzendentalphilosophischen Orientierung am ,Vorstellen‘ siehe insb. Tugendhat 1976, S. 86ff; zu einer Vorstellungstheorie als Bedeutungstheorie siehe insb. Heringer 1974a, Kap. 1.2, Fritz/Muckenhaupt 1984, Kap. 5, 2.1 sowie Heringer 2007, 2.1.
15) Vgl. dazu Tugendhat 1976, S. 88f: „Allgemein lässt sich sagen: die Philosophie hatte, solange sie die logische Struktur unberücksichtigt ließ, keine andere Möglichkeit, als sich die Beziehung Bewusstsein-Gegenstand nach der Analogie mit einem sinnlichen Vorsichhaben zu denken und d.h. – ob dieser Ausdruck jeweils verwendet wird oder nicht – als ,Vorstellen‘.“ Und: „Wie soll dann eine vorsprachliche Bezugnahme auf Gegenstände ohne jede logische Struktur denkbar sein? Eben als Vorstellung.“ (Zit. n. Tugendhat 1976, S. 86.) Und: „Die Idee einer vorsprachlichen Bezugnahme auf Gegenstände impliziert, dass man sich diese Bezugnahme als ein Vorsichhaben denkt. Der grundlegende neuzeitliche Begriff für dieses Vorsichhaben ist der Begriff der „Vorstellung“.“ (Zit. n. Tugendhat 1976, S. 86.)
16) Zum Referieren bzw. zur Bezugnahme auf Gegenstände der Welt mittels sprachlicher Ausdrücke siehe vor allem Heringer 1977, Kap.6, Wimmer 1979 u. Fritz 1982, Kap.6. Zum Einstieg ins Thema siehe zunächst auch Tugendhat 1976, S. 88: „Sie könnten meinen: auch wenn wir sprachlich auf einen Gegenstand bezugnehmen, müssen wir ihn doch vorstellen. Aber wenn jemand einen singulären Terminus verwendet, z.B. „Peter“, fragen wir ihn nicht: „wen stellst du dir mit ,Peter‘ vor?“, sondern „wen meinst du mit ,Peter‘?“. … Gegenstände stellen wir nicht vor, Gegenstände meinen wir. Und was heißt das, so werden Sie zurückfragen, einen Gegenstand meinen? Nun, das ist eben die Frage, der nachzugehen sein wird. Es ist eine Frage, der man nachgehen kann – die sprachanalytisch gereinigte Frage der Transzendentalphilosophie -, während die Frage, was es heißt, einen Gegenstand vorzustellen, eine Pseudofrage ist. Auch das umgangssprachliche ,Vorstellen‘, das im Unterschied zum philosophischen Terminus natürlich sinnvoll ist (das anschauliche Vergegenwärtigen), ist nur im Kontext eines Meinens möglich: wenn jemand z.B. versucht, sich einen Gegenstand anschaulich vorzustellen, so heißt das eben, dass er versucht, sich den Gegenstand, den er meint, anschaulich vorzustellen.“
17) Vgl. dazu z.B. Tugendhat 1981, S. 21: „Das Bewusstsein von etwas, so hat sich jetzt gezeigt, ist propositional. Es bezieht sich nicht auf Objekte im üblichen Sinn dieses Wortes, sondern auf Propositionen. Es hat oder impliziert die Struktur Bewusstsein dass p.“
18) Und mit dem solcherart zu einer ,Dimension der Vorstellungen‘ geratenen Bewusstsein steht und fällt dann eben auch das ,erkenntnistheoretische Modell‘ der ,sog. Subjekt-Objekt-Beziehung‘ (vgl. Tugendhat 1981, S. 33), denn hier „wird wie selbstverständlich vorausgesetzt, dass Bewusstsein ein Vorsichhaben, ,Vorstellen‘ eines Gegenstandes ist, dass es in einer eigentümlichen Beziehung zwischen dem Subjekt und dem Objekt besteht: man hat etwas vor sich“ (zit. n. Tugendhat 1981, S. 33).
19) Vgl. z.B. Tugendhat 1981, S. 44f: „Heute wird kaum jemand die Aufgabe der theoretischen Philosophie noch so ansetzen, wie Descartes oder wie Kant es getan haben. Es würde uns hier zu weit abführen, wenn ich begründen wollte, und ich kann es daher nur thetisch hinstellen, dass man heute die Aufgabe der theoretischen Philosophie eher so ansetzen würde, dass sie die impliziten Voraussetzungen unseres Verstehens aufzuklären hat.“
20) Dementsprechend dient dann auch „der Regelbegriff … dazu, zu erklären, wie Verständigung überhaupt möglich ist“ (zit. n. Fritz/Hundsnurscher 1994, S. 116).
21) Zur Unterscheidung des ,späten‘ vom ,frühen‘ Wittgenstein und der linguistischen Orientierung am ersteren siehe insb. Öhlschläger 1979, Kap. 2.
22) Vergleiche z.B. Tugendhat 1976, S. 17: „Ich kenne keine befriedigende Antwort auf die Frage, wie die sprachanalytische Philosophie von der empirischen Sprachwissenschaft zu unterscheiden ist.“
23) Siehe dazu z.B. Bezzel 1988, S. 44: „„Friede in den Gedanken. Das ist das ersehnte Ziel dessen, der philosophiert.“ … Von den vielen Bildern, mit denen Wittgenstein den Sinn seines antisystematischen Philosophierens zusammengefasst hat, ist dieses besonders kennzeichnend. Es setzt voraus, dass das Philosophieren von der individuellen Lebensproblematik erzwungen wird, dass es keine Bemühung um den Fortschritt einer Fachdisziplin ist und dass es wieder in Lebenspraxis mündet“.
24) Vgl. Fritz/Hundsnurscher 1994, S. 113.
25) Zur grundsätzlichen Orientierung: „Die Sprechakttheorie hat ihren Ursprung in der sprachanalytischen Philosophie. Sie ist verbunden mit den Namen Wittgenstein, Austin und Searle.“ (Zit. n. Heringer 2007, S. 61.)
26) Vgl. z.B. Heringer 2007, S. 62: „Die Sprechakttheorie ist nicht nur ein Beitrag zur Klärung der Frage, was der Gebrauch einer Äußerung ist, sie ist Teil einer systematischen Rekonstruktion der Auffassung, die Bedeutung sprachlicher Äußerungen besteht in ihrem Gebrauch.“ Zum Verhältnis Praktische Semantik, Linguistische Kommunikationsanalyse und der ihnen zugrunde liegenden Gebrauchstheorie s. insb. Fritz/Hundsnurscher 1994, Kap.7.
27) Der klassische Einwand gegen die Sprechakttheorie ist ja der, dass sie einzelne Sprechakte aus dem Handlungszusammenhang isoliert und so eine eingehendere Analyse dieses Zusammenhangs verstellt. Zur Einführung in die Sprechakttheorie sowie zur Kritik der Sprechakttheorie aus linguistischer Sicht siehe u.a.: Hindelang 1983; Wimmer 1979, Kap. 3.4; Fritz/Muckenhaupt 1984, Kap.12; Heringer 2007, Kap. 3.2.
28) Zum Verhältnis sprachliche/nichtsprachliche Handlungen bzw. Kommunikation/Interaktion siehe u.a. Hindelang 1983, Kap. 1 und dann vor allem Heringer 1974a, Kap. 2 sowie Heringer 1977, Kap.1, 2, 4, 5 u. 8.
29) Vgl. Heringer 2007, S. 29.
30) Zur Problematik dieser Sichtweise bzw. zur Relativierung des Stellenwerts des entsprechenden Regelbegriffs vgl. u.a. Heringer 2007, Kap. 2.2 oder auch. Fritz/Hundsnurscher 1994, Kap.7, 2.2.3.
31) Vergleiche z.B. Fritz/Hundsnurscher 1994, S. 116: „Regeln für die Verwendung werden formuliert, um anzugeben, wie eine Äußerungsform im Deutschen verwendet werden kann. Das Muster für den Regelbegriff in der Praktischen Semantik ist daher nicht die grammatische Regel für die Form von Ausdrücken, sondern die Spielregel, die Regel für den konventionellen Gebrauch eines (Spiel-)Gegenstandes (…).“
32) Es wird hier kein „subjektivistisches Moment“ mit dem „objektivistischen“ vermengt und dabei eine „Übermacht der Objektivität als „System“ und „Struktur“ … anerkannt und vorausgesetzt“ (vgl. Kurz 2004, S. 47); als „spielerisch“ erscheint hier nicht nur „die Unselbständigkeit gegenüber der blinden Objektbewegung des Systems“ (vgl. Kurz 2004, S. 47); und es ist nicht „die (… heute realisierte) subjektlose Herrschaft der totalitären Warenform“, die hier „als „Spielregelsystem““ festgeschrieben würde (vgl. Kurz 2004, S. 215).
33) Aus gebrauchstheoretischer Sicht ist klar: Nur hinsichtlich einer bestimmten Praxis, in der sie gelten, ist die Annahme sinnvoll, dass es Regeln gibt (vgl. z.B. Heringer 1974b, S. 20); und „die Redeweise, dass eine Regel gilt, besagt, dass diese Regel in einer bestimmten Praxis intersubjektiv gültig ist, und man sich, wenn man sich in dieser Praxis nicht abweichend verhalten will, an diese Regel halten muss“ (zit. n. Heringer 1974b, S. 101).
34) Wenn es (aus gebrauchstheoretischer Sicht) „zu dem sozusagen logischen Zwang der Regel keine Alternative gibt“ (vgl. Heringer 1974b, S. 81) und sog. konstitutive Regeln derart „eine Praxis definieren“ (vgl. Fritz 1982, S. 60), dass, „wer eine konstitutive Regel nicht befolgt, … etwas anderes (tut) als das, was er zu tun vorgibt oder tun möchte“ (zit. n. Fritz 1982, S. 60), dann ist zum einen klar, dass – etwa bei der Spekulation über die Entstehung einer Sprache (vgl. Heringer 1990, Kap. 2) – „konventionelle Kommunikation via Bedeutung … erklärt werden (muss) auf der Basis vorkonventioneller Kommunikation“ (zit. n. Heringer 2007, S. 36); und zum anderen ist (hier) mit der Annahme von Regeln gerade die Möglichkeit der Abweichung und damit die prinzipielle Veränderbarkeit aller Regeln (vgl. z.B. Heringer 1974b, S. 98) berücksichtigt – „denn es hat nur dann Sinn, von einer Regel zu sprechen, wenn es sowohl Handlungen gibt, die nach der Regel sind, als auch Handlungen und sonstige Aktivitäten, die nicht nach dieser Regel sind und als Abweichungen von dieser Regel gelten. Denn wenn es diesen Unterschied nicht gäbe, wären alle Handlungen beliebig und damit nicht verstehbar“ (zit. n. Heringer 1974b, S. 97). Und: „Regeln (sind) veränderbar, weil sie Abweichungen zulassen, über die allein Regeln veränderbar sind: durch wiederholte Abweichungen kann sich bei intersubjektiver Anerkennung eine neue Regel bilden.“ (Zit. n. Heringer 1974b, S.98f.) Zu einer direkten Einflussnahme auf Regeln bzw. auf die Bedeutung siehe insb. Wimmer 1979, Kap. 5.
35) Will man beobachtete Regelmäßigkeiten im natürlichen Geschehen oder tierischen Verhalten erklären, so ist die Annahme von Regeln nicht sinnvoll: Denn da ein entsprechender Beurteilungsmaßstab hier allein in der Übereinstimmung mit dem Geschehen oder Verhalten gegeben ist, sind Abweichungen nicht möglich. Dass sich dann weder durch einfache Beobachtung (vgl. z.B. Tugendhat/Wolf 1986, Kap. 14.5) noch durch (wirkliche) Experimente, die bei Wiederholung nie zu exakt demselben Ergebnis führen, nicht beweisen lässt, dass es universell gültige Naturgesetze gibt (vgl. Ortlieb 1998, S. 30), ändert nichts an einer grundlegenden Unterscheidung.
36) Unter emanzipatorischen Zielsetzungen, versteht sich.
37) Vgl. dazu Kurz 2005, S. 210: „Das Subjekt stellt … den modernen Handlungsträger der abstrakten Arbeit und ihrer abgeleiteten Funktionen dar – es ist nichts anders als die gesellschaftliche Form des Handelns an den Individuen selbst: Wahrnehmungsform, Denkform, Beziehungsform, Tätigkeitsform (…).“
38) Diese Reduktion und Deformation lässt sich mit Lohoff auf den Punkt bringen wie folgt: „Erst die Fähigkeit, andere zum Objekt zu degradieren, macht das Subjekt zum Subjekt und diese Degradierung bleibt stets, also auch wenn sie die sublimierte Form der Konkurrenz annimmt, an ihr Urbild, die Verwandlung des lebendigen Gegenübers in ein im wortwörtlichen Sinn lebloses Etwas, rückgebunden.“ (Zit. n. Lohoff 2003, S. 28.)
39) Vgl. dazu Kurz 2005, S. 210f: „Es ist also nicht zu fragen, wie die neue Qualität der Kritik durch das Subjekt aussieht, sondern diese neuen Qualität impliziert die Kritik des Subjekts selbst: die Kritik der „Form Subjekt“, die nichts anderes als die moderne, kapitalistische Form des Handelns ist.“
40) Der Gebrauchstheoretiker reflektiert sein theoretisches Tun als sprachliches Handeln und damit als Teil regelgeleiteter Praxis und versteht sich, speziell diese Praxis betreffend, zuerst und zuletzt als kommunikativer Teilnehmer. Denn wie sollte er – als traditionell kontemplativer Theoretiker, als ,bloß äußerer Beobachter‘ – auch nur der Möglichkeit der Abweichung gerecht werden, die mit den Regeln gegeben ist?
41) Vgl. Heringer 1990, S. 9.
42) Der zuvor im Buch skizzierte „Weg vom Sprechen zur Sprache im Sinne des methodischen Individualismus“ weist ihm „Sprache als eine im Prinzip egalitäre und liberale Institution aus“ (zit. n. Heringer 1990, S. 115) und er versteigt sich gar zur Forderung: „Das sprachliche Leben sollte funktionieren wie der freie Markt, in dem die Produktion und Verbreitung von Waren so wenig wie möglich zu behindern ist, in dem jeder die Waren und mit den Methoden produzieren darf, die ihm genehm sind, und sie verkaufen darf zu dem besten Preis, den er erzielen kann.“ (Zit. n. Heringer 1990, S. 116.)
43) Nicht nur unter Ausblendung des alles durchdringenden ökonomischen Terrors spricht er davon, dass „eine Gesellschaft … nicht unbedingt ein einheitliches Ideal (hat), das alle gleichermaßen anstreben“ und als Beispiele dafür, dass „die Lebensformen der Menschen, die Ideale der einzelnen … drastisch verschieden (sind), auch innerhalb einer Kultur“ führt er folgendes an: „Einer möchte der Allgemeinheit dienen, möchte soziale Leistungen vollbringen; ein anderer möchte zurückgezogen leben, möchte in Ruhe sein eigenes Leben leben; wieder andere wollen ihren und damit den allgemeinen Reichtum mehren, und andere wollen die Natur und Welt erlebenswert erhalten, richten ihren gesamten Lebenswandel darauf aus, die Natur zu schonen.“ (Zit. n. Heringer 1990, S. 118.) Und: „Solche Bilder und Ideale wechseln nicht nur von Mensch zu Mensch, von Gruppe zu Gruppe; jeder von uns kann im Lauf seines Lebens verschiedenen Idealen anhängen, ja er kann seine Lebensform von einem Tag auf den anderen ändern. Möglicherweise trägt jeder Mensch sogar einen inneren Kampf seiner Ideale aus.“ (Zit. n. Heringer 1990, S. 119.)
44) Offenbar über alle Abhängigkeit der Politik von gelingender Akkumulation und Besteuerung, über alle kategorische Unterordnung der „politischen Auseinandersetzung“, des „politischen Prozesses“ unter den Selbstzweck der Wertverwertung hinaus, besteht für Heringer „politische Auseinandersetzung … in der Sinnvermittlung und in der Schaffung neuen Sinns“ und entsprechend geht es für ihn dann „im politischen Prozess … darum, Strittiges zu klären, sich zu verständigen, Kompromisse und Lösungen zu finden, Wähler zu überzeugen.“ (Zit. n. Heringer 1990, S. 11.)
45) Auch Demokratie erscheint nicht als das, was sie darstellt, nämlich „die entwickeltste kapitalistische Staatsform“ (zit. n. Kurz 2003, S. 283), in der „alles verhandelbar (wird), nur nicht die Zwänge der Arbeitsgesellschaft, die vielmehr axiomatisch vorausgesetzt sind“ (zit. n. Manifest gegen die Arbeit 1999, S. 26), sondern geradezu als Nonplusultra eines kommunikativen Miteinander: „Eine Demokratie ist eine Diskussionsgemeinschaft, demokratische Politik ist Diskussion ohne Ende.“ (Zit. N. Heringer 1990, S. 117.) Und: „Die Demokratie ist das Maß aller Dinge.“ (Zit. n. Heringer 1990, S. 118.)
46) Zum einen ist ihm ganz offen „das Gemeinwohl (natürlich) das eigentliche und höchste Ziel der politischen Tätigkeit … und jeder Politiker (hat) sich so zu entscheiden …, dass er das Gemeinwohl bestmöglich fördert“ (zit. n. Heringer 1990, S. 113), zum anderen scheint er dann das, was er mit Gemeinwohl meint, aus dem streng ökonomischen Zusammenhang herauszunehmen: „Jeder kann frei mitwirken, seine Ziele realisieren, seine Überzeugungen vertreten, und vor allem, weiß jeder selbst, was für ihn gut ist. Jedenfalls gibt es kein Gemeinwohl in dem Sinne, dass etwas für alle gut ist.“ (Zit. n. Heringer 1990, S. 116.)
47) Vgl. z.B.: „Der Sprachkritiker braucht … nicht die Hilfe irgendwelcher Theorien oder irgendein besonderes Sachwissen.“ (Zit. n. Heringer 1988, S. 31.) Oder: „Ein Sprachkritiker hat nicht besseren Einblick in sachliche Zusammenhänge, er beherrscht keine höhere Form der Sachkritik.“ (Zit. n. Heringer 1988, S. 22.) Freilich sind alle Theorie und alles Sachwissen an Sprache gebunden und deshalb sprachkritisch auf anhängige schiefe Reflexion auf Sprache abzuklopfen; aber das macht letzteres – im Sinne einer radikalen, emanzipatorischen Kritik – nicht einfach überflüssig.
48) Vgl. Heringer 1990, S. 22. In der Rede von einer kommunikativen Moral greift Heringer auf „die Griceschen Maximen“ als „eine der größten linguistischen Entdeckungen“ (zit. n. Heringer 2007, S. 70) zurück und er stellt fest: „Unser Sprechen selbst ist bestimmt durch kommunikative Maximen, die als eine kommunikative Moral gelten können.“ (Zit. n. Heringer 1990, S. 12.) Die kommunikativen Maximen entsprechen nach Heringer wiederum der „goldenen Regel, die man verständlich so formuliert: Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu“ (zit. n. Heringer 1990, S. 105) und als Basis seiner kommunikativen Moral rekurriert er dann auf einen sog. „sozialen Egoismus“: „Nicht die angedrohte Bestrafung (oder Belohnung) ist die Grundlage der Moral. Wesentlich ist die Erkenntnis der eigenen und der menschlichen Beschränktheit überhaupt. Man muss erkennen, dass man nie sicher ist, nicht entdeckt zu werden, und dass man aus diesem Grund auch selbst der Getäuschte sein könnte. Dies ist … der beste Grund, nach der goldenen Regel zu handeln. Es ist die reziproke Annahme, dass der andere genau die gleiche Einsicht, genau die gleichen Gründe hat wie ich selbst. Man handelt so, weil man nicht will, dass man selbst anders behandelt wird. Natürlich ist auch das letztlich egoistisch. Aber es ist sozialer Egoismus; kommunikative Verständigung ist in beider Sinn.“ (Zit. n. Heringer 1990, S. 105f.) Zu den Griceschen Maximen siehe insb. Heringer 1990, Kap. 6 u.7, Fritz/Hundsnurscher 1994, Kap.10, 2.6 u. Heringer 2007, Kap. 3.3. Zur sog. „goldenen Regel der Moral“ und dem Verhältnis Egoismus/Moral siehe insb. Tugendhat 1994, 4. u. 5. Vorlesung.
49) Zit. n. Heringer 1988, S. 22. Vgl. z.B. auch: „Die Rolle des Linguisten kann in der kritischen Begleitung politischen Sprechens liegen. Er kann durch seine kritische Analysen und Argumentationen die Beurteilungen der Sprecher beeinflussen, möglicherweise verbessern. In einer sanften Didaktik versucht er, Sprecher durch Exempel mit seiner Sprachkritik zu infizieren über eine geistige Ansteckung via Einsicht und Annahme.“ (Zit. n. Heringer 1990, S. 18.)
50) Ist schon „das Erlernen von Regeln keine mechanische Konditionierung, besteht (es) nicht nur darin, etwas zu kopieren, … sondern zugleich darin, sich die Fähigkeit anzueignen, ein Kriterium anzuwenden“ (zit. n. Heringer 1974b, S. 102), ist dann der Sprachgebrauch nicht nur nicht beliebig, sondern auch nicht eindeutig (vgl. z.B. Fritz/Muckenhaupt 1984, Kap. 2), sind „Sprechen und Verstehen … zuerst einmal blinde Praxis“ und weiß man, wenn man seine Sprache kann, darum noch lange nicht Bescheid (vgl. Heringer 1990, S. 13): Wie wollte man, eben im Maße als „Sprache … reflexiv (ist)“ und „zur Klärung ihrer selbst dienen (kann)“ (zit. n. Heringer 1990, S. 13), hier auf Sprachkritik verzichten?
51) Vgl. Kurz 2000, S. 48: „Auch nach dem Kapitalismus wird es Krankheit und Tod, Liebeskummer und Arschlöcher geben.“
52) Zit. n. Heringer 1988, S. 19.
53) Vgl. Bezzel 1988, S. 44.
54) Wenn zum einen „für Wittgenstein … die Aufhebung und Selbstaufhebung der Philosophie in ein reflektiertes Leben die Utopie war, die er nie aufgegeben hat“ (zit. n. Bezzel 1988, S. 45), dann kann zum anderen „Utopie … in der Modernisierungsgeschichte immer gelesen werden als der Appell an das (ideologische) kapitalistische Ideal gegenüber der schlechten kapitalistischen Wirklichkeit“ (zit. n. Kurz 2000, S. 48).
55) Vgl. z.B. Wittgenstein 1984, §116: „Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen, wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurück.“
56) Vgl. Heringer 1988, S. 25: „Aber bleibt da noch Raum für Sprachkritik? Sicherlich. … Zum einen ist unsere Sprache voll abgesunkener Theorie und Ideologie, darunter nicht zuletzt antiquierte und gefährliche Ansichten über die Sprache selbst.“
57) Vgl. z.B. Kurz 2003, S. 266: „Kritik ist so erst möglich als Verhältnis von kritischer Darstellung des negativen Wesens (der Fetischform), kritischer Analyse des historischen Realprozesses und Kritik der darauf bezogenen und daraus erwachsenden Ideologien.“
Literaturhinweise
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