Radikale Sprachkritik?

Wenn für eine emanzipatorische Antimoderne die Überwindung, der Bruch mit der bisherigen Geschichte als einer Geschichte von Fetischverhältnissen ansteht1), wenn in der Auseinandersetzung mit der „aller modernen Theorie zu Grunde liegende(n) Philosophie der Aufklärung“2) „das notwendige Pathos der Befreiung … am Ende der Modernisierungsgeschichte endlich konsequent anti-ontologisch werden (muss)“3) und wenn es bei aller emanzipatorisch-kritischer Bemühung um den „Aufbau einer kommunikativen, nicht-warenförmigen Handlungs- und Reproduktionsstruktur“4) zu tun ist, dann erscheint es mir aus emanzipatorischer Sicht unerlässlich, auch auf linguistisch-gebrauchstheoretische und darüber vermittelt auf sprachphilosophische Untersuchungen, Forschungen, Analysen, Beschreibungen zurückzugreifen. Denn im Rückgriff auf derartige, die Bedeutung und das sprachliche, das kommunikative Handeln betreffende Untersuchungen, Forschungen, Analysen, Beschreibungen zeigt sich: Bevor ein antiker Philosoph in soz. hierarchisch-vertikaler Motivation Philosophie als Ontologie konzipiert5), bevor ein Aufklärungsphilosoph so etwas wie eine Subjekt-Objekt-Beziehung oder demgemäß eine ,dialektische Logik‘ kreiert6) und bevor dann entsprechende intellektuelle Erzeugnisse im großen (oder auch kleinen) Stil die jeweilige Fetischform und deren Affirmation als ideologische Reflexionsgestalten darstellen7), da wurde, getreu der traditionellen Auffassung, dass jeder prädikative Satz für eine Zusammensetzung steht8), die Bedeutung und damit der Sprachgebrauch, d.h. das sprachliche, das kommunikative Handeln, allemal schon vergegenständlicht und damit ein Verhältnis falscher Objektivierung, eine fetischistische Objektivierung bereits hier zur Wirkung gebracht9): Die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke scheint sich wie selbstverständlich einer dinglichen Eigenschaft dieser Ausdrücke, ihrer Eigenschaft, für Gegenstände zu stehen, zu verdanken.10)

So setzt Aristoteles in seiner maßgebenden Konzeption von Philosophie als Ontologie nicht nur voraus, dass der Subjektausdruck in prädikativen Sätzen für einen (konkreten) Gegenstand steht und vergegenständlicht so dessen Bedeutung; sondern er vergegenständlicht, wenn auch in einer gewissen, für die Tradition folgenreichen Unentschiedenheit, ebenso die Bedeutung der Prädikate.11)

Und was die Kreation einer Subjekt-Objekt-Beziehung und einer darauf aufbauenden ,dialektischen Logik‘ betrifft, so ist hier die Orientierung am ,Vorstellen‘ maßgebend12), die wiederum verwurzelt ist in der konzeptualistischen Vergegenständlichung der Bedeutung der Prädikate zu etwas im Geist Erzeugtem und Vorhandenem13). In dieser Orientierung werden dann nicht nur die Bedeutung von Prädikatsausdrücken als Vorstellungen abstrakter, sondern ebenso die Bedeutung der Subjektausdrücke als Vorstellungen konkreter Gegenstände vergegenständlicht und das Bewusstsein gerät zu einer ,Dimension der Vorstellungen‘14): In einer sozusagen vorsprachlichen Bezugnahme15), also ohne den referentiellen Gebrauch sprachlicher Ausdrücke16) und schon gar nicht propositionale Bewusstseinsweisen zu berücksichtigen17), soll sich das Bewusstsein auf Gegenstände beziehen, indem es sie ,vorstellt‘18).

Ist nun Verstehen und Verständigung, deren implizite Voraussetzungen19) bzw. deren Möglichkeit20) zentrales Thema sowohl der sprachanalytischen Philosophie als auch einer am ,späten‘ Wittgenstein orientierten Linguistik21) und bietet sich – bei überhaupt fließenden Grenzen zwischen sprachanalytischer Philosophie und ,empirischer Sprachwissenschaft‘22) – im Rückgriff auf Wittgenstein für beide eine anti-elitäre, soz. horizontale, alle Fachbornierung sprengende lebenspraktische Motivation an23), so gehen Praktische Semantik und Linguistische Kommunikationsanalyse als sprachwissenschaftliche Forschungsrichtungen in ihren Beiträgen zu einer Theorie sprachlichen Handelns24) – man könnte sagen: eben in lebenspraktischer Hinsicht – entscheidend über die (philosophische) Sprechakttheorie hinaus.

Liegt sowohl der Sprechakttheorie25) als auch Praktischer Semantik und Linguistischer Kommunikationsanalyse Wittgensteins Gebrauchstheorie der Bedeutung zugrunde26), so ist es für die letzteren nicht mehr der einzelne Sprechakt27), der im Mittelpunkt des Interesses steht, sondern es sind die sprachlichen Handlungen der Sprecher im kommunikativen und interaktiven Zusammenhang28); und ist es nun ein geregelter Gebrauch, der, Wittgensteins funktionaler Zeichenauffassung gemäß, den sprachlichen Zeichen ihre kommunikative Funktion verleiht29), wird demgemäß die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke nicht nur als etwas angesehen, das im Gebrauch dieser Ausdrücke besteht, sondern als Regel bzw. Regeln eben dieses Gebrauchs30) und kommt dann der Spielregel als Muster für den entsprechenden Regelbegriff eine wichtige Rolle zu31), dann hat dies nichts, aber auch gar nichts zu tun mit fetischistischen Objektivierungen etwa im postmodernen oder poststrukturalistischen Sinn32): Die Bedeutung, aus gebrauchstheoretischer Sicht, sie ist nichts, was sich einer vermeintlichen Eigenschaft sprachlicher Ausdrücke, für Gegenstände zu stehen, verdanken würde; die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke, verstanden als die Regeln ihres Gebrauchs, sie ist etwas, das allein in einer Praxis lebt und Gültigkeit hat33); sie ist etwas, das historisch entsteht und sich verändert und in Teilen sogar direkt veränderbar ist34); und sie ist etwas, das erlaubt, menschliches Handeln, sprachliches wie nichtsprachliches, grundlegend von naturgesetzlich erklärtem natürlichem Geschehen oder tierischem Verhalten zu unterscheiden35).

Macht all dies (zumindest ansatzweise) deutlich, dass die Gebrauchstheorie der Bedeutung – jenseits aller vergegenständlichenden Reflexion auf die Bedeutung und d.h. ohne eine fetischistische Objektivierung zur Wirkung zu bringen – nicht nur u.a. die Möglichkeit bietet

  • das sprachliche, das kommunikative Handeln zu untersuchen, zu erforschen, zu analysieren, zu beschreiben36),
  • das ,Subjekt‘ als „modernen Handlungsträger“37) in seiner spezifischen kapitalistischen Reduktion als deformiertes regelgeleitetes Lebewesen zu erfassen38)und ebenso die ,Subjektform‘ als moderne, kapitalistische „Form des Handelns“39),
  • das Verhältnis Theorie-Praxis handlungstheoretisch auf eine befriedigende Art und Weise zu bestimmen40),

sondern dass ihr eine durch und durch anti-bürgerliche, emanzipatorisch-kritische Potenz innewohnt, so erscheint auch klar, dass sie, um diese Potenz wirklich entfalten zu können, geradezu danach verlangt, eingebunden zu werden in eine radikale Kritik der Warengesellschaft (radikale Kritik fetischistischer Vergesellschaftung). Denn bleibt ihr auch die, sagen wir: Bürgerlichkeit ihrer akademischen Vertreter nicht nur äußerlich, sondern scheint sie geradezu gegen diese Bürgerlichkeit konzipiert, so ist es wohl kein Zufall, wenn eben diese Vertreter dann versuchen, die Gebrauchstheorie sozusagen im Namen einer ,bloßen‘ Sprachkritik wieder entsprechend zu verwursten.

So kriecht H. J. Heringer in seinem Buch zur „Darlegung, Aufklärung und Fortentwicklung“ der „inneren Verwobenheit“ von „Politik, Sprache und Moral“41)nicht nur der Zirkulationsideologie auf den Leim42), betätigt sich als ,Lebensbuntheitsvorgaukler‘43), idealisiert Politik44), Demokratie45) und sogar das ,Gemeinwohl‘46), sondern redet bei alldem zuerst und zuletzt einer ,bloßen‘ Sprachkritik das Wort47), die auf einer kommunikativen Moral gründen muss48) und deren „Aufgabe“ in Anwendung auf die Politik dann charakteristischerweise „in der Hauptsache die Kultivierung des politischen Sprechens, und das heißt des politischen Handelns“ sein soll49).

Scheint wohl, wann immer gesprochen wird, auch Sprachkritik notwendig50), so wäre es jedoch erst in einer endlich realisierten kommunikativen Vergesellschaftung jenseits von Markt und Staat (jenseits des gesellschaftlichen Fetischismus) – und nicht nur, weil es auch dann noch Arschlöcher geben wird51) – mit einer ,bloßen‘ Sprachkritik getan; einer Sprachkritik, die – als schlichte „Analyse des Gebrauchs der Sprache“ – „eine Übersicht über den Gebrauch und über die Konsequenzen bestimmter Sprachspiele (gewährt)“ und so dazu dient, „sich bewusst zu werden, was durch die Sprache und das Sprachspiel gegeben ist“.52)

Aber bis dahin gilt: Auch (und gerade!) eine Sprachkritik im Sinne der Gebrauchstheorie muss eingebunden sein in eine radikale Kritik der Warengesellschaft (eine radikale Kritik fetischistischer Vergesellschaftung), denn schließlich ist auch Wittgensteins „Friede in den Gedanken“ – als auf „gelingendes Leben“ absehende Motivation, als „ersehntes Ziel dessen, der philosophiert“53) – Utopie und muss Utopie bleiben54), im Maße als bei entsprechenden sprachkritischen Bemühungen, philosophischen oder linguistischen, zwar von metaphysischer Verwendung von Wörtern die Rede ist55) und auch durchaus noch konstatiert wird, dass „unsere Sprache voll abgesunkener Theorie und Ideologie (ist)“56); man im Anschluss daran aber ganz und gar darauf verzichtet, irgendwelchen metaphysischen Sprachgebrauch, irgendwelche „abgesunkenen Theorien und Ideologien“ hinsichtlich fetischistischer Objektivierungen und darauf aufbauender ideologischer oder auch nur ,proto-ideologischer‘, die jeweilige Fetischform und deren Affirmation darstellender Reflexionsgestalten letztlich in ihrem Verhältnis zu einer maximal destruktiven und schon aus reiner Selbsterhaltung zu überwindenden Vergesellschaftung zu bestimmen57).

Anmerkungen

Literaturhinweise