Robert Kurz im Interview mit Sonia Montano / Magazin IHU online (Brasilien)
1. Wie können die neuen Technologien, Copyleft und das “Leben Online”, die kollektive Werke bedienen, dazu beitragen, um die Utopie, wie Sie sie verstehen, aufzubauen?
Bei diesem Thema, so fürchte ich, gibt es große Missverständnisse. Erstens geht es nicht um eine „Utopie“. Utopien sind immer abstrakte Modelle, die verwirklicht werden sollen. Aber eine gesellschaftliche Umwälzung ist etwas ganz anderes. Der Ausgangspunkt ist nicht ein positives Modell, sondern die „Kraft der Negation“. Aus der Analyse der realen Widersprüche und der damit verbundenen Kritik kann sich eine soziale Bewegung bilden, die in einen praktischen Prozeß der Umwälzung eintritt. Dafür kann die kritische Theorie Kriterien entwickeln. Aber das Ergebnis steht nicht a priori als Modell fest, deshalb kann ein wirklich transzendierendes Denken nicht utopisch sein. Die kapitalistische Welt, die wir kritisieren, ist selbst nicht das Resultat der Verwirklichung eines Modells, sondern das Resultat eines historischen Prozesses von komplexen Vermittlungen. Um aus dieser Welt hinaus zu kommen, bedarf es einer ebenso komplexen „Gegenvermittlung“, eines historischen Prozesses der Transformation. Daran muß ein Denken in positiven Modellen scheitern. Zweitens können neue soziale Beziehungen nicht durch neue Technologien geschaffen werden. Die neuen Technologien der Mikroelektronik führen immanent an die Grenzen des Kapitalismus, weil sie Arbeit in großem Ausmaß überflüssig und damit die weitere Expansion des Mehrwerts unmöglich machen. Es sind Technologien der Krise. Aber damit verbindet sich kein technologischer Automatismus als Postulat einer anderen Gesellschaft, sondern eben nur die Krise der bestehenden Gesellschaft. Soziale Emanzipation kann sich nicht an Technologien orientieren, das wäre ja die Fortsetzung der kapitalistischen Verdinglichung. Es geht gerade darum, die sozialen Beziehungen von der Unterwerfung unter die toten Dinge zu befreien und souverän gegenüber den Technologien zu werden.
2. Wie verbindet sich die „abstrakte Arbeit“ in der Sicht von Marx mit der immateriellen Arbeit der Gegenwart?
Die „abstrakte Arbeit“ bei Marx ist nicht immateriell. Der Begriff bezeichnet vielmehr die Gleichgültigkeit gegenüber dem Inhalt, weil es allein um den irrationalen Selbstzweck der Kapitalverwertung geht, um die Rückkoppelung eines „automatischen Subjekts“ (Marx) auf sich selbst. Deshalb ist Arbeit in diesem Sinne per se ein Selbstzweck, der gerade in der abstrakten „Verausgabung von Nerv, Muskel, Hirn“ (Marx) besteht. Diese Abstraktion ist also eine durchaus materielle Realabstraktion, die gesellschaftliche Reduktion des Produktionsprozesses auf die abstrakte Verbrennung von menschlicher Energie um ihrer selbst willen, ohne Rücksicht auf den Inhalt und auf die Bedürfnisse. Nur durch diese Reduktion auf die Materialität abstrakter menschlicher Energie kann „abstrakte Arbeit“ überhaupt die „Substanz des Kapitals“ (Marx) sein. Die dritte industrielle Revolution der Mikroelektronik macht die „abstrakte Arbeit“ nicht immateriell, sondern eben überflüssig. Die fortgeschrittensten Sektoren von Informationstechnologie, Medien, Symbolanalytik usw. können keine neuen Massen „abstrakter Arbeit“ mobilisieren. Das Resultat ist nicht nur die Krise der Kapitalverwertung, sondern auch die Krise des positiven marxistischen Arbeitsbegriffs. Die traditionelle marxistische „Ontologie der Arbeit“ muß radikal kritisiert werden. Antonio Negri und Michael Hardt haben den Unbegriff der „immateriellen Arbeit“ nur kreiert, um diese notwendige Kritik zu umgehen und die alte „Ontologie der Arbeit“ zu retten. Auch in der Ideologie der „Free Software“ wird dieser Begriff der „immateriellen Arbeit“ als vermeintliche neue Basis der alten Ontologie positiv bestimmt, statt die reale Abstraktion „Arbeit“ selber als kapitalistische Form der Reproduktion zu kritisieren.
3. Die neuen Technologien fordern immer mehr die kollektive Mitarbeit, den „general intellect“ bei Marx, aber innerhalb des individualistischen kapitalistischen Privatsystems scheint es sehr schwer zu sein, dem Rechnung zu tragen. Gibt es einen Widerspruch zwischen dem System, in dem wir leben, und der Notwendigkeit der Sozialisierung, welche die neuen Technologien fordern? Wie kann man diesen Widerspruch lösen?
Der Begriff des „general intellect“ bei Marx bezieht sich überhaupt nicht auf eine unmittelbare Form der Organisation, sondern auf die Veränderung des allgemeinen Verhältnisses von Wissenschaft und Produktion: Die Menschen treten zunehmend neben und vor den Produktionsprozeß. Das ist ja gerade die Krise der „abstrakten Arbeit“ und damit der Wert- und Geldform. Marx will das abstrakte Individuum des Kapitalismus überwinden, das sich nur über die Abstraktion des Geldes mit anderen Individuen vermittelt. Aber für Marx geht es nicht um die Negation, sondern im Gegenteil um die Befreiung der Individualität von dieser abstrakten Form. Marx ersetzt den abstrakten Individualismus nicht durch einen ebenso abstrakten Kollektivismus. „Sozialisierung“ meint einen „Verein freier Individuen“, kein dumpfes Zwangskollektiv. Bloß technologisch vermittelter Kollektivismus ist immer zwanghaft. Historisch war der Kollektivismus nicht die Überwindung der abstrakten kapitalistischen Individualität, sondern der Modus ihrer Durchsetzung in den Diktaturen „nachholender Modernisierung“ an der Peripherie des Weltmarkts. Ein weitgehend anonymer elektronischer Kollektivismus ist eine schreckliche Vorstellung, das Gegenteil von sozialer Emanzipation und eine bloße Verlängerung der „abstrakten Arbeit“. Nicht umsonst sind die Internet-Freaks, die solche Vorstellungen hegen, meistens jüngere Männer; ist doch die historische Genesis der „abstrakten Arbeit“ strukturell männlich konnotiert und mit der Entstehung des modernen Patriarchats verbunden. Außerdem lebt diese Vorstellung einer angeblich von den neuen Technologien geforderten unmittelbar kollektiven Produktion davon, dass ganz einseitig der spezifische Charakter von Software verabsolutiert und als Modell für alle anderen Gegenstände genommen wird. Das ist unmöglich, man kann weder Gegenstände der materiellen Bedürfnisse noch kulturelle Produkte (z.B. theoretische oder literarische Texte) nach dem Schema einer (verkollektivierten) Software-Bastelei herstellen.
4. Die kollektiv erbauten Werke wie z.B. Wikipedia geben die Verfasserrechte auf. Welchen Sinn und welche Kraft schreibt der Kapitalismus diesen Verfasserrechten in den verschiedenen Wissens- und Produktionsfeldern zu? In welchem Sinn sind sie eine Form der Macht?
Die universelle Form des Rechts in der Moderne ist die juristische Form des privaten Eigentums. Aber diese Form ist eben nur der juristische Ausdruck der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, die auf der „abstrakten Arbeit“ beruhen. Die Illusion des traditionellen Marxismus bestand darin, dass er bloß äußerlich die juristische Form des Privateigentums aufheben wollte, die Basis der „abstrakten Arbeit“ dagegen ontologisierte. Das heißt das Pferd vom Schwanz aufzäumen. Erst mit der Überwindung der „abstrakten Arbeit“ selbst wird deren juristische Form gegenstandslos. Das umgekehrte Vorgehen dagegen kann nur zu einem bürokratischen Apparat der unüberwundenen „abstrakten Arbeit“ führen. Die Ideologie von „Free Software“ umgeht das Problem, weil sie auf das Medium des Internet verengt ist und gar keinen kritischen Begriff der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion hat. Allerdings ist es auch bei Wikipedia keineswegs möglich, dass jeder „frei“ seine Werke einstellt. Es gibt einen Code und eine undurchsichtige Kontrolle des Zugangs. Ein anderes Problem ist der Status der individuellen Produzenten. Sie müssen ihre Produkte an Konzerne wie Microsoft oder Bertelsmann verkaufen, um leben zu können. Diese Abhängigkeit kann jedoch nur durch eine Umwälzung der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse überwunden werden, nicht durch einen isolierten und äußerlichen „Verzicht auf Verfasserrechte“. Die Ideologie von „Free Software“, die inzwischen auf theoretische und literarische Texte ausgeweitet wird, richtet sich weniger gegen die Konzerne, sondern primär gegen die Produzenten selbst. Wer seine „Verfasserrechte“ aufgibt, muß bloßer Amateur sein und aus anderen Quellen Geld beziehen, weil er sonst im Kapitalismus nicht leben kann. Es ist unredlich, diese Tatsache auszublenden.
5. Welche Art von Gesellschafts- und Arbeitsverständnis existiert hinter der kollektiven „verfasserrechtlosen“ Arbeit, die beliebig angeeignet und verändert werden kann, sofern es ohne Vermittlung durch Geld geschieht?
Es handelt sich um einen neo-kleinbürgerlichen Utopismus, der sich auf die zirkulative Sphäre beschränkt. Was hier als „Produktion“ bezeichnet wird, ist nicht mehr als eine Verlängerung der Zirkulation und des Konsums. Das Internet ist seinem Wesen nach ein zirkulatives Medium. Deshalb will dieser Utopismus das Geld auch rein zirkulativ überwinden, als kostenloses und unkontrolliertes „Geben und Nehmen“, während die „Arbeit“ als Illusion beibehalten wird, statt sie zu kritisieren. Der propagierte „immaterielle“ Charakter bezieht sich dabei auf eine rein kombinatorische Handhabung von vorgefertigten Modulen. Da die gesellschaftlichen Bedingungen des Kapitalismus weiter vorausgesetzt werden, können es nur Subjekte der Konkurrenz sein, die das angebliche „freie Aneignen“ exerzieren. Die „abstrakte Verfügbarkeit“ von Texten und anderen Produkten, getrennt vom Inhalt der „Aneignung“, ist nur die Verlängerung des leeren juristischen Formalismus, aber ohne individuelle „Verfasserrechte“. Die intellektuellen Produzenten werden zum Freiwild gemacht; jeder konkurrente Gockel soll hemmungslos abschreiben und die Produkte als seine eigenen ausgeben dürfen. Die Krise der „abstrakten Arbeit“ ist auch eine Krise männlicher Identität; deshalb richtet sich diese Ideologie nicht zuletzt gegen Verfasserinnen, die von prekarisierten Männern intellektuell ausgeplündert werden sollen. Das ist nicht Emanzipation, sondern Schamlosigkeit. Gleichzeitig ist es ein formalistischer Machtanspruch. Die repressive Macht der Konzerne wird nur ersetzt durch die ebenso repressive Macht eines Zwangskollektivs von enthemmten Konkurrenzsubjekten. Es gibt keine emanzipatorische Veränderung durch ein abstrakt-allgemeines formales Prinzip. Etwas anderes wäre eine freie Vereinbarung von Individuen, die sich zu einem Verein zusammenschließen, in dem bestimmte kapitalistische Regeln außer Kraft gesetzt werden sollen (etwa die freie Nutzung von Ressourcen, z.B. einer gemeinsam betriebenen Bibliothek). Solche Elemente einer konkreten Gegenkultur haben jedoch nichts zu tun mit einem abstrakten Formalismus wie dem Prinzip von „Copyleft“.
6. In welchem Sinn können die neuen Technologien dazu beitragen, dass die Arbeit einen inklusiven Sinn bekommt und die Arbeitslosigkeit nicht weiter steigt?
„Arbeit“ als inhaltsleeres Abstraktum ist an sich sinnlos, kapitalistischer Selbstzweck. Sinnvolle Arbeit wäre ein Widerspruch in sich. Die neuen Technologien geben dieser „abstrakten Arbeit“ keinen Sinn, sondern machen sie überflüssig. Nur in der kapitalistischen Form erscheint das als „Arbeitslosigkeit“. Jenseits der Arbeit als Selbstzweck gibt es auch keine „Arbeitslosigkeit“ mehr.
7. Wie entstehen die gegenwärtigen Workaholics? Welche gesellschaftlichen Folgen hat eine solche Lebensweise?
Workaholics sind Menschen, die ihre Unterwerfung unter den Selbstzweck der „abstrakten Arbeit“ auf die Spitze treiben. Das können Manager ebenso wie Lohnabhängige oder „Selbstunternehmer“ sein. Sie verwandeln sich in menschliche „Funktionsmaschinen“, die sich für einen entfremdeten Zweck bis zur Erschöpfung verausgaben. Damit wird der Mangel an eigenem Erleben und die Verkümmerung der sozialen Beziehungen kompensiert. Es ist die totale Selbstauslieferung an das „automatische Subjekt“ der Kapitalverwertung. In der so genannten New Economy wurde dieses Syndrom zum Leitbild erhoben. Seit 2001 hat die New Economy kläglich Schiffbruch erlitten, aber dieses destruktive Leitbild wird inzwischen auf alle Sektoren ausgedehnt. Das hat etwas damit zu tun, dass das Kapitalverhältnis in der Krise der Verwertung von der Priorität des „relativen Mehrwerts“ zur Priorität des „absoluten Mehrwerts“ zurückkehrt, zur Verlängerung der Arbeitszeiten und zur Intensivierung der Arbeit. Je weniger menschliche Arbeitskraft noch rentabel angewendet werden kann, desto mehr soll dieser Rest ausgepowert werden, bis zur Selbst-Auspowerung der formal „selbständigen“ Arbeit. Gesellschaftlich entsteht so eine Atmosphäre der perspektivlosen Hektik und der Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst wie gegen andere. Das sind typische Merkmale für einen Kollaps. Dieses Syndrom der Workaholics sollte aber nicht verwechselt werden mit der Anstrengung für selbstbestimmte Zwecke, z.B. bei der literarischen und theoretischen Produktion im Sinne von Gesellschaftskritik. Einen Gegenstand kritisch zu durchdringen, ist immer eine intensive Angelegenheit. Im Gegensatz zur inhaltsleeren Selbstauslieferung an das „automatische Subjekt“ kann es auch eine Erotik des Inhalts geben, die zu einer ganz anderen Art der intensiven Beschäftigung führt. In einer befreiten Gesellschaft könnte es normal sein, dass sich Zeiten der intensivsten Anstrengung für selbst gewählte Gegenstände abwechseln mit Zeiten des genussvollen Müßiggangs. Eine „abstrakte Faulheit“ wäre nur das Spiegelbild der „abstrakten Arbeit“.
8. In Brasilien ist jetzt eine tiefe politische Enttäuschung zu beobachten. Die Versprechungen einer linksgerichteten Regierung wurden ebenso wenig eingelöst wie die der vorherigen Regierungen, weder hinsichtlich der Arbeitswelt noch hinsichtlich der politischen Korruption oder der ökologischen Probleme. Wie sehen Sie diese Situation?
Es wird in Zukunft nur noch politische Enttäuschungen geben, weil die politische Sphäre das Kapitalismus in der Globalisierung und in der Krise der dritten industriellen Revolution unfähig zur Regulation der Gesellschaft geworden ist. Staat und Politik bilden nur die andere Seite der Kapitalverwertung und des Marktes. Das Versagen des Marktes ist auch das Versagen der Politik. Es ist kein Versagen der Personen, sondern eine innere Schranke des gesellschaftlichen Verhältnisses. Deshalb nützt es nichts, die Personen auszuwechseln oder neue politische Parteien zu gründen. Was gegenwärtig in Brasilien erlebt wird, ist eine allgemeine Erfahrung in der ganzen Welt, auch in Europa. Übrigens ist die Politik genauso strukturell „männlich“ bestimmt wie die „abstrakte Arbeit“. Eine sozial emanzipatorische Bewegung muß sich gegen die Politik genauso richten wie gegen die „abstrakte Arbeit“. Der traditionelle Marxismus war nicht nur in einer Ontologie der „Arbeit“ befangen, sondern auch in einer Ontologie der Politik und des modernen Patriarchats. Um aus dieser Gefangenschaft auszubrechen, muß sich die soziale Bewegung selbständig konstituieren. Der Widerstand gegen die Zumutungen der Krisenverwaltung kann sich nicht mehr auf die patriarchalen Institutionen der Moderne stützen. Eine selbstbewusste soziale Bewegung gegen die „abstrakte Arbeit“ und gegen das moderne Geschlechterverhältnis wird im Prozeß der Krise vielleicht partielle Bündnisse mit politischen Kräften eingehen, aber sie wird sich nicht mehr von den strukturellen Zwängen des politischen Systems erdrosseln lassen.
