Klasse haben

erschienen im Neuen Deutschland
am 05.08.2005

Während die Deutschland-AG zusammen mit dem Sozialstaat abgewickelt wird, formiert sich in der berüchtigten gesellschaftlichen Mitte ein neues Krisenbewusstsein. Linkspartei und WASG repräsentieren dabei eine bis weit in die sozialdemokratische Klientel reichende Reaktionsweise, die bestenfalls als „keynesianische Nostalgie“ zu bezeichnen wäre. Traditionsmarxisten sehen wieder einmal „die Klasse“ auferstehen und möchten einen Frühlingshauch von altem Klassenkampf wittern. Tatsächlich handelt es sich um den Absturz der neuen Mittelklasse, die von der Globalisierung überrollt und in das große Heer der auf Armutsniveau gesetzten Transfer-Abhängigen hinabgestoßen wird. Keine Spur von traditionellem Produktivismus und Verankerung in der „abstrakten Arbeit“.

Aber es gibt auch noch eine ganz andere Reaktionsweise aus „Mitte“, die eher von den postmodern sozialisierten Snobs der zusammengebrochenen New Economy und des ausgelaugten Kulturbetriebs getragen wird. Auch hier ist die Rede von „Klasse“, aber in einem ganz anderen Sinn. Die bislang aus dem Mehrwert alimentierte Designer- und Kulturschickeria beklagt sich, dass es im zurückgebliebenen Deutschland unmöglich geworden sei, „eine Klasse zu bilden“ – nämlich ein Milieu, das „Klasse hat“. Gerade die Hauptstadt Berlin wird im Vergleich zum „Chic von Paris“ oder zur „Weltoffenheit New Yorks“ als provinziell denunziert. Berlin, so heißt es in einem vom Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung Claudius Seidl mitherausgegebenen Sammelband, sei „böse und barbarisch“, „nirgendwo Manieren“, ein „Sibirien an der Spree“. Der Vertreter der Single-Generation trifft sich da mit dem alten Kulturlöwen Hellmuth Karasek, der in einem ARD-Fernsehfilm naserümpfend Berlin als „arm und schlecht angezogen“ erlebt. Und die Nobel-Absteige „Four Seasons“ musste dicht machen, kein Wunder bei so viel Gesocks auf den Straßen.

Die sich nach „Klasse“ sehnenden Dandy-Darsteller der 90er Jahre haben auch eine Art ökonomische Erklärung für die konstatierte allgemeine Provinzmiefigkeit parat: In Berlin und darüber hinaus sei das Leben „zu billig“. Der Döner unter 1 Euro, überall Discounter-Ramsch; und sogar für lächerliche 320 Euro angebotene 4-Zimmer-Wohnungen stehen leer. Seidls Rezept für „Klasse bilden“ ist simpel: „Ziehen Sie in eine richtig teure Stadt. Eintausend Euro Miete“. Das meinen auch die Stadtplaner bis ins tiefe Bayern. Überall lautet das Motto „Verbesserung der Sozialstruktur“. Luxussanierung – und Tschüs für die Hartz-IV-Kreaturen, Rentner, Migranten, „Dauerlebensimprovisierer“ und sonstigen Habenichtse. Her mit den gepflegten Mittelstandsfamilien, gehobenen Kulturkonsumenten und Weinkennern ohne „Versorgungsmentalität“. Damit man unter sich ist und nicht dauernd über schnorrende Punker stolpert, igitt. Wohin mit all denen ohne „Klasse“? Keine Ahnung, irgendwer wird es schon wissen, vielleicht die Polizei.

Es gibt einen kleinen Schönheitsfehler in diesem von aufgesetzter Kultiviertheit triefenden Räsonnement. Der gut riechende, wohlsituierte, seine Schäfchen wie seine Mäuse zählende und seine Manieren spazieren tragende Mittelstand, der den Schwanitz-Schmalspur-Bildungskanon abspulen kann, ist eine aussterbende Spezies. Die Stadtplaner und Klassenbildner liegen 4 bis 5 Jahre zurück in der Wahrnehmung der Strukturen. Sie stehen selber schon auf der Abschussliste und leiden unter Realitätsverlust. Heute noch Feuilleton-Redakteur, morgen 99-Cent-Konsument; das geht immer schneller. Für ein bildungsbürgerlich-snobistisches Disneyland ist es zu spät. Aber vornehm geht die Welt zugrunde. „Klasse“, kann man da nur sagen.